Tokyo Mirage Sessions #FE - Encore Review
Popstars und Weltenretter - auf der Switch noch besser
Verschwundene Personen, mysteriöse Wesen, die den Menschen ihre Lebensenergie rauben, und die Herausforderungen einer Karriere als Pop-Idol: Diese merkwürdig anmutende Mischung verkörpert Tokyo Mirage Sessions #FE Encore. Nachdem das Spiel bereits vor fünf Jahren für die Wii U erschienen ist, spendiert uns Nintendo nun eine Neuauflage für die Switch - inklusive aller zusätzlichen Inhalte und einiger genereller Verbesserungen. Wer auch nur ein wenig Gefallen an JRPGs und originellen Spielideen findet, der sollte sich Tokyo Mirage Sessions #FE Encore ganz genau anschauen.
Fünf Jahre sind vergangen seit den mysteriösen Ereignissen, die bei einem Opernkonzert in Tokyo stattgefunden haben. Mehr als 1.000 Personen sind damals spurlos verschwunden und niemand ist je wieder aufgetaucht. Nur ein Mädchen hat die Umstände unbeschadet überstanden: Tsubasa Oribe, Schwester des bekannten Pop-Idols Ayaha Oribe. Warum sie zurückblieb und das Verschwinden der Künstler, Besucher und ihrer Schwester mit ansehen musste, ist bis heute ungeklärt. In der Rolle von Itsuki Aoi gehe ich den mysteriösen Ereignissen nach und scharre Freunde und Verbündete um mich. Im Team lüften wir das Rätsel der verschwundenen Leute und allerhand anderer Phänomene, während ich auf dem Weg sogenannte "Mirages" bekämpfe, die in diese fiktive Welt eingefallen sind.Ihr Ziel: das Performa der Menschen. Eine Energie, die ihnen Antrieb und Kreativität verleiht und ohne die sie depressiv und lethargisch zurückbleiben. Gleichzeitig beschreite ich mit Tsubasa & Co. den anstrengenden Weg aufstrebender Popstars. Denn die Organisation, die sich mit der Erforschung der Zwischenfälle beschäftigt, operiert unter dem Deckmantel einer Entertainment Company. Dieser Schein muss selbstverständlich gewahrt werden und so kämpfe ich mich nicht nur durch unterschiedliche Dungeons, sondern nehme auch an Gesangstrainings, Tanzchoreographien und Fotoshootings teil. Das klingt abgedreht - und genau das ist es auch.

Ein Crossover aus Shin Megami Tensei und Fire Emblem und doch ein ganz eigenes Spiel
Bereits im Jahr 2015 wurde Tokyo Mirage Sessions auf der Wii U als ein Crossover zwischen Shin Megami Tensei und Fire Emblem veröffentlicht. Nun wurde es für die Nintendo Switch in einer verbesserten und um alle DLCs erweiterten Fassung neu aufgelegt. Vorwissen über eine der Serien ist nicht notwendig, so können auch Neulinge das Spiel in seiner Gänze genießen. Für Veteranen wird es trotzdem immer wieder Situationen zum Schmunzeln geben.
Der Fokus des Crossovers liegt nicht nur spielmechanisch unverkennbar auf Shin Megami Tensei, dem die größten Teile des Gameplays entlehnt sind. Wer einen der jüngeren Titel der Serie oder der ebenfalls sehr populären Persona-Ableger gespielt hat, wird sich sofort zuhause fühlen. So bietet das Spiel etwa das auf den ersten Blick bekannte rundenbasierte Kampfsystem der Vorlage mit gewohnt taktischen und fordernden Gefechten. Gerade die Bosskämpfe, die sich manchmal über mehrere Phasen erstrecken und einige Überraschungen in petto haben, können bereits auf dem normalen Schwierigkeitsgrad eine ziemliche Herausforderung darstellen. Hier kann bereits eine taktische Entscheidung über Sieg oder Niederlage bestimmen. Allerdings bringt Tokyo Mirage Sessions auch im Kampf einige Alleinstellungsmerkmale mit.
Das liegt vor allem am Sessions-System: Nutzt man eine Schwäche des Gegners aus, kann man Kettenangriffe - sogenannte Sessions - mit seinen Mitstreitern auslösen und so verheerenden Schaden anrichten. Allerdings verfügen auch die Protagonisten bzw. die gutmütigen Mirages, welche uns im Kampf unterstützen, über entsprechende Schwachstellen, die von den Gegnern ebenfalls ausgenutzt werden. Die Mirages selbst werden durch Fire-Emblem-Figuren wie Chrom, Caeda und Cain, die sich im Kampf in Äxte, Schwerter oder Bögen verwandeln, verkörpert. Und noch an einer anderen Stelle scheinen die Einflüsse der Nintendo-Serie durch: Entsprechend der gewählten Waffe ändern sich die Boni und Mali der Charaktere - man denke an das traditionelle Waffendreieck. Stolpere ich also unvorbereitet in einen Kampf, können mich die Gegner, sofern sie meine Schwachstellen angreifen, ganz schnell aus den Latschen hauen.
Das ist gerade dann ärgerlich, wenn man länger nicht gespeichert hat. Denn eine Niederlage bringt mich auf dem normalen Schwierigkeitsgrad mit einem Game-Over-Screen schnurstracks ins Hauptmenü zurück. Da Tokyo Mirage Sessions über keine Autosave-Funktion verfügt, kann eine dumme Entscheidung schnell die eine oder andere Stunde an Spielzeit zunichtemachen. Dem kann man auf dem einfachen Schwierigkeitsgrad zwar entgehen, da man hier nur an den Anfang des letzten Kampfes zurückgesetzt wird, allerdings ist dann auch die Herausforderung im Kampf entsprechend niedriger. Deshalb sei geraten: Lieber einmal zu viel gespeichert als einmal zu wenig. Immerhin warnt mich das Spiel vor Bosskämpfen und fordert eine Bestätigung, bevor es dann richtig zur Sache geht.


Gelegentlich kann es übrigens vorkommen, dass der Anstieg des Schwierigkeitsgrades derart steil ist, dass man das ein oder andere zusätzliche Level ergrinden muss. Wer jetzt aber schon das Handtuch werfen möchte, dem sei gesagt, dass das Grinding in Tokyo Mirage Sessions nicht der Rede wert ist. Schon früh im Spielverlauf erhält man die Möglichkeit, in speziellen Bereichen die eigene Kampfkraft zu optimieren. Dort lässt sich nicht nur das Level von Itsuki, Tsubasa & Co. steigern, sondern auch die Verbundenheit zu den Mirages und den Waffen, die sie verkörpern, verbessern.
Ganz im Stile von Shin Megami Tensei und Persona wird in Tokyo Mirage Sessions aber nicht nur gekämpft, sondern auch viel gelaufen und getratscht. So kann ich meine Mitstreiter in ihren persönlichen Sidestories besser kennen lernen und nebenbei auch noch ein paar Boni für kommende Missionen freizuschalten. Die Geschichten selbst sind dabei herrlich unterhaltsam und abwechslungsreich. Tsubasa helfe ich über ihre sozialen Phobien hinweg, Touma unterstütze ich bei der Vorbereitung für ein Casting einer Action-TV-Show und Maiko, der Präsidentin von Fortuna Entertainment, braucht die Zutaten für ein besonderes Anti-Kater-Elixier - gegen den Alkoholkater, versteht sich, Katzen sind natürlich okay. Auch wenn diese kleinen Nebenhandlungen alle recht spaßig sind, das Kampfgeschehen und die ernste Hauptstory auflockern und den Charakteren mehr Tiefe verleihen: Sie erreichen leider nicht das Niveau, das man von den Persona-Titeln gewohnt ist, und sind - auch bedingt durch das Szenario - etwas weniger ernst und auch weniger realistisch.


Was fürs Auge
Grafisch kann Tokyo Mirage Sessions an vielen Stellen überzeugen, denn der Look des gesamten Spiels wirkt extrem stylisch und individuell. Die Oberwelt, gerade innerhalb der Dungeons, erscheint zwar etwas antiquiert und offenbart die Herkunft von der Wii U, allerdings gibt es immer wieder nette Details zu entdecken und die Dungeons warten alle mit unterschiedlichen Themen auf.
Auch die Kämpfe sind sehr ansprechend inszeniert. Die Animationen der Standardangriffe kennt man zwar bereits aus den Persona-Spielen, nicht aber die sogenannten Ad-Lib-Angriffen. Das sind spezielle Aktionen, die zufällig von den Protagonisten ausgelöst werden, immensen Schaden verursachen und sehr aufwendige Animationen mit sich bringen. Noch übertroffen werden sie von den überzeichneten Duo Arts, die von zwei Charakteren gemeinsam ausgeführt werden und nicht nur großen Schaden anrichten, sondern eine Session auch um weitere Angriffe verlängern können.
Tsubasa, Kiria und der Rest des Casts sind indes ausreichend detailliert gestaltet, heben sich sehr voneinander ab und lassen sich mit unterschiedlichen Kostümen individualisieren. Was bei einem Spiel mit Popstars ebenfalls nicht fehlen darf, ist ein guter Soundtrack. Und den bringt Tokyo Mirage Sessions nicht nur in den hochwertig produzierten Anime-Sequenzen zum Vorschein: Auch die Kämpfe, das Durchstreifen der Dungeons und die unterhaltsamen Zwischenmissionen sind mit wunderbar stimmiger Musik unterlegt.


Alles neu, alles anders, alles besser?
Bei Tokyo Mirage Sessions #FE Encore handelt es sich nicht nur um eine einfache Wii-U-Portierung, vielmehr ist es eine leicht erweiterte und für die Nintendo Switch angepasste Fassung. Neben den DLCs, die nun standardmäßig enthalten sind, wurden auch einige "Ex Stories" ergänzt. Diese bieten, über die ursprünglichen Nebenmissionen hinaus, einen tieferen Einblick in die Nebenfiguren und erweitern das Spiel so um die eine oder andere Spielstunde. Hinzu kommen einige Komfortfeatures. So lassen sich Kämpfe - und Sessions im Speziellen - beschleunigen und damit deutlich schneller durchführen.
Gerade im späteren Spielverlauf, wenn längere Kettenangriffe die Regel sind, beugt das möglicher Monotonie sehr gut vor. Kämpfe spielen sich aber nicht nur flotter, sie wurden auch dahingehend erweitert, dass nun auch Verbündete in den Kampf eingreifen können, die eigentlich nicht beteiligt sind. Die Angriffe verursachen zwar keinen erwähnenswert hohen Schaden, wenn es dann aber die letzten Lebenspunkte sind, die den entscheidenden Unterschied ausmachen, ist die Freude umso größer.
Weitere Änderungen ergeben sich durch das neue Interface, da der zusätzliche Bildschirm des Wii-U-Controllers bei der Switch wegfällt. Dadurch gibt es jetzt eine optionale Minimap und muss ich manche Interaktionen in Untermenüs vornehmen. Dies entschleunigt das Spiel zwar ein wenig, fiel mir aber nie wirklich störend auf. Technisch gibt es auch ein paar Änderungen zur Ursprungsversion. Zum Beispiel haben sich die Ladezeiten verbessert: Wo man auf der Wii U noch gute sechs Sekunden auf einen Szenenwechsel oder den Kampfstart warten musste, sind es bei der Switch-Version meist weniger als zwei Sekunden. Die visuelle Qualität kann sowohl im Docked- als auch im Handheld-Modus überzeugen und ich konnte keinerlei Framedrops oder Ruckler feststellen.
Do you speak english?
Ein Kritikpunkt, der schon beim ersten Release von Tokyo Mirage Sessions oft betont wurde und auch für die Persona-Serie gilt, ist die fehlende Lokalisierung. Tokyo Mirage Sessions kommt sogar lediglich mit japanischer Sprachausgabe und englischen Untertiteln daher, auf Deutsch wurde hier komplett verzichtet. Wer des Englischen aber einigermaßen mächtig ist, der wird keine großen Probleme haben. Eine komplexe oder sehr bildliche Sprache braucht man hier nicht zu befürchten. Beim ursprünglichen Release auf der Wii U wurde Tokyo Mirage Sessions übrigens in zwei Versionen veröffentlicht: einer japanischen und einer für den westlichen Markt angepassten Version (manche würden "zensiert" sagen), in der u.a. Bikini-Outfits entfernt und das Alter der weiblichen Figuren erhöht wurden. Auf der Switch gibt es diese Unterscheidung nun nicht mehr, alle Versionen basieren auf der westlichen Wii-U-Version.
Fazit von Alexander:
Persona 5 gilt für mich als eines der besten Spiele aller Zeiten: Der Stil, die Charaktere, das Gameplay, die Story, die Abwechslung - all das hat es für mich zu einem grandiosen Titel gemacht, an dem sich nicht nur JRPGs zukünftig messen müssen. Umso gespannter war ich, wie sich das etwas ältere Tokyo Mirage Sessions im Vergleich schlagen würde. Die Qualität von Persona 5 erreicht Tokyo Mirage Sessions #FE Encore zwar nicht ganz - allerdings ist es trotzdem ein wunderbares Spiel für alle, die dem abgedrehten japanischen Setting auch nur im Geringsten etwas abgewinnen können.
Die spannende Geschichte, die abwechslungsreichen Nebenmissionen, mal amüsant, mal ernst, die teils schrulligen Begleiter, das leicht verständliche und doch taktisch ausgereifte Kampfsystem, der individuelle Grafikstil, der an Persona erinnert und doch seinen ganz eigenen Weg geht, und nicht zuletzt der moderne Soundtrack, welcher nicht nur Freunden von J-Pop oder K-Pop gefallen dürfte, machen Tokyo Mirage Sessions für mich zu einem der besten Rollenspiele auf der Switch.
Cooler Style, ein spannendes Kampfsystem, unterhaltsame Charaktere und das typisch Abgedrehte eines JRPGs machen Toyko Mirage Sessions #FE Encore zu einem Genre-Pflichttitel für die Nintendo Switch.
- hochwertige Sprachaugabe ...
- cooler und ausgefallener Grafikstil
- wunderschöne Anime-Sequenzen
- individuelle Charaktere mit eigenen Hintergrundgeschichten
- gutes Pacing
- unterhaltsames Kampfsystem, das stetig erweitert wird
- fordernde Bosskämpfe
- Komfortfeatures (Schnelle Sessions, Autokampf)
- Trainingsbereiche machen langwieriges Grinden obsolet
- Schwierigkeitsgrade für jeden Geschmack
- ... die leider nur in der japanischen Sprache verfügbar ist
- Itsuki lässt sich im Kampf nicht austauschen
- keine deutschen Texte
- kein Auto-Save
Alexander hat Tokyo Mirage Sessions #FE auf der Nintendo Switch gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Nintendo zur Verfügung gestellt.

