
Harry Potter und der Halbblutprinz - Review
Seminar für Zauberanfänger: Schwing den Stab mit Harry Potter
Aufgepasst und hergehört! Mein Name ist Harry Potter und ich wurde schon im frühen Kindesalter vom Blitz getroff... äh ... und ich bin gekommen um Euch einzuladen zu meiner Vorstellung der Extraklasse. Kaufen Sie noch heute und erhalten Sie diesen Zauberstab aus echtem Kunstholz gratis dazu. Bestellen Sie in den nächsten 10 Minuten und wir packen eine Dumbledore Figur zum Bemalen in die Tüte. Mooooment! Was zum Henker soll das? Bin ich von allen guten Geistern verlassen oder wurde ich nur zu oft verflucht? STUPOR!!!
Harry Pott... wer?
Was wurden mir spöttische Kommentare an den Kopf geworfen, als ich in unserer Skype Konferenz äußerte, gerade das aktuelle Spiel zum aktuellen Kinofilm zum 2 Jahre alten Buch Harry Potter und der Halbblutprinz zu spielen. Aber warum nur? Ich mein, wäre jetzt kein riesiges Sommerloch, hätte ich die CD eher im Rhein versenkt, als in das Laufwerk zu legen und sofort der allseits bekannten einlullenden Titelmusik zu lauschen. Aber was soll man als passionierter Spieler tun, wenn die Entwickler und Publisher gemeinsam um den Teich hüpfen und Ringelpietz mit anfassen spielend überlegen, welches Spiel dringend ein Prequel gebrauchen könnte - das ist doch gerade in Mode?!
Ich frage mich ja gerade, ob ich wirklich eine Einführung zu Harry Potter geben soll. Der Kerl, sein handzahmes Gefolge namens Ron Weasley und Hermine Granger, sowie der unausgesprochene Gegenpart Du-weißt-schon-wen-ich-meine, Oberbösewicht Lord Voldemort, sind doch wirklich bekannt bis ins letzte Strohhüttchen inmitten Äthiopiens.
Aus diesem Grund möchte ich mich in dieser Review gerne auf die für das Spielerlebnis wichtigen Dinge beschränken, werde aber auf Nachfrage natürlich zu Fragen bezüglich der Geschichte Rede und Antwort stehen. Oder ihr schaut euch einfach den Film im Kino an, dann hab ich nicht so viel zu tun!
Avada Kedavra, oder auch: Wer hat die Steuerung verflucht?
Schon direkt zu Beginn gibt es etwas, das sofort auf‘s Gemüt schlägt und dieses etwas nennt sich Steuerung. Ich bin es gewöhnt, mit dem linken Analogstick zu laufen und mit dem Rechten die Kamera um die Figur zu drehen. Wenigstens funktionierte der linke Analogstick so, wie ich es erwartete. Der rechte Daumen dient allerdings dem Bewegen des Zauberstabs, den jeder noch so schlechte Zauberer natürlich immer bei sich trägt. Mit diesem könnt ihr herumliegende Steine aufheben und wegstoßen, kleine Büsche in Flammen setzen, Feuerwerke entzünden, Stinkbomben auf Mitschüler werfen, große Hogwartswappen reparieren und viele kleine Hogwartswappen aus Lampen herauszaubern - doch dazu später mehr.
Da nun beide Analogsticks belegt sind, ist es die Aufgabe der automatischen Kameraführung, dem Spieler das bestmöglichste Blickfeld zu bieten. Und ja, es scheint, als hätte Hermine nicht nur den Hüterbewerber Cormac McLaggen mit einem Verwirrungszauber belegt, so dass Ron den Job als Hüter bekommt, sondern auch der Kamera einen Wisch verpasst. Denn diese dreht sich fast willkürlich um Harry und macht das gezielte Treffen einer Tür manchmal zu einer Herausforderung. Nach rund einer Stunde Spielzeit kam dann urplötzlich der Hinweis, dass man mit gedrückter R2 Taste in Verbindung mit dem rechten Analogstick die Kamera drehen könne. Na vielen Dank, so etwas gehört in die Einführung! Ansonsten lässt sich Harry aber sehr solide durch Hogwarts führen und die Ausführung diverser Zauber geht nach kurzer Eingewöhnung flott aus dem Daumen.
Unübersichtlich, groß, hübsch und steif
Das sind vier Dinge, die Hogwarts perfekt beschreiben. Noch nie habe ich mich in einem Spiel so verloren gefühlt. Von Aufgabe zu Aufgabe werdet ihr immer wieder zu Personen geschickt, die sich leider genau auf der anderen Seite von Hogwarts befinden. Und Hogwarts ist groß, sehr groß um genau zu sein! Nach zwei Laufwegen habe ich mir eine Quickjump Funktion gewünscht, die mich sofort an den Zielort bringt. Leider wurde mein Wunsch nicht erhöhrt. Stattdessen taucht auf Knopfdruck der kopflose Nick auf, erzählt mir in ein bis zwei kurzen Sätzen, was ihn gerade bedrückt und führt mich daraufhin schweigend durch das Schloss. Die langen Laufwege werden durch die vielen Abkürzungen an der großen Treppe, die sich hinter den sprechenden Gemälden verstecken, etwas verkürzt, jedoch möchte ich nicht wissen, wie lang sie wären, müsste ich die gesamte Strecke selbst herausfinden. Nick ist wirklich eine große Hilfe und missen möchte ich ihn nicht, denn eigentlich ist er euer ständiger Begleiter. Er führt euch zur Mission, ihr schließt die Mission ab und ruft ihn danach wieder um die nächste Aufgabe zu bestreiten.
Kommen wir zum "hübsch". Ich war erstaunt, wie schön die Umgebung gestaltet worden ist. Von der Gestaltung gleicht sie der des Films und weiß durchaus zu überzeugen. Zauberhafte Stimmung kommt also auf, wenn man durch das authentisch wirkende Hogwarts stiefelt und allerlei Dinge sieht, die aus Buch und Film bekannt sind. Mangelnde Detailverliebtheit kann man den Entwicklern also nicht vorwerfen. Leider muss man aber dazu sagen, dass die Gebiete trotz allem sehr leblos wirken. Zwar lauft ihr nicht alleine durch die Gegend, sondern trefft immer wieder auf herumstreifende Mitschüler, die euch mit lustigen Kommentaren begrüßen oder euch sogar auffordern, ihnen sofort aus dem Weg zu gehen, weil sie euch nicht leiden können. Nette Beigabe und hat mich das ein oder andere Mal zum Grinsen gebracht.
Steif ist aber leider auch ein Begriff, der wie die Faust aufs Auge passt. Wenn man die Charaktere so betrachtet, ist man doch schon froh, dass sie meist (Ja, nicht immer) den Mund zu ihrem Gesprochenen bewegen. Denn etwas anderes als der Mund bewegt sich in den Gesichtern nicht. Zudem bezweifel ich, dass jemals ein Sonnenstrahl die Haut eines Schülers oder einer Schülerin von Hogwarts gesehen hat. Ein paar Ausnahmen gibt es natürlich, die aber genetischer Natur sind.
Das Übel der Repetition
Nachdem nun im Prinzip das "Wie" geklärt ist, werde ich mit dem "Was" fortfahren. Und da gibt es leider nicht so viel zu berichten, denn die Unternehmungen beschränken sich auf grob vier Dinge, die ihr zu tun habt. Euer Aufgabenbereich erstreckt sich über das Duellieren, Tränke brauen, Quidditch spielen und dem sammeln von Hogwartswappen.
Die Duelle sind gut gelungen, aber viel zu einfach. Mit der Zeit lernt ihr immer neue Angriffs- und Verteidigungszauber dazu, die euch dabei helfen, den Gegner möglichst schnell und ohne selbst viel Schaden davon zu tragen, außer Gefecht zu setzen. Es gibt einen Hauptangriff, den ihr mit fortschreitendem Spiel bis zu zweifach aufladen könnt. Dazu kommen zwei Zauber, die den Gegner Handlungsunfähig machen und ein letzter Zauber, der euch für kurze Zeit vor Angriffen schützt. Das ist leider nicht die größte Auswahl an Möglichkeiten, reicht aber, um die eh nur kurzen Duelle zu überbrücken. Schade, dass hier nicht mehr Abwechslung geboten wird, wie zum Beispiel Kämpfe gegen mehrere Gegner gleichzeitig. Solltet ihr auf zwei Gegner treffen, duelliert ihr sie nacheinander. Nachteile, wie verlorene Lebensenergie aus dem Kampf davor, sind nicht vorhanden. Bei jedem Kampf startet Harry mit voller Energie. Auch hier hätte man etwas mehr Spannung in die wirklich viel zu einfachen Duelle packen können.
Tränke zu brauen wirkt wie ein Minispiel und hätte auch ein kostenloses Flashspiel sein können. Am rechten Rand des Bildschirms ist das Rezept zu sehen und die einzelnen Schritte, die ihr durchführen müsst, um den Trank richtig zu brauen. Mit dem linken Analogstick wird die Zutat aus den, teilweise richtig vielen, Behältern neben dem Kessel ausgesucht und dann über den Kessel geführt. Der rechte Analogstick dient zum Neigen der Behälter. Ein nettes Prinzip, wie ich finde und es funktioniert sehr gut. Leider kippt man auf Grund der missglückten Wahl der Perspektive das ein oder andere Mal daneben, oder wirft Känguruhoden auf den Boden. Abwechselnd, so wie das Rezept es vorgibt, wird dann durch eine bestimmte Bewegung des Sticks das Feuer erhitzt, oder der Trank umgerüht. Mir hat es Spaß gemacht, wird aber auf Dauer auch sehr eintönig. Mehr als drei Tränke hintereinander konnte ich nie brauen.
Meine Hoffnung lag im Quidditch und nein, auch hier wurde ich nicht fündig. Der Vorteil am Quidditch? Es kommt nicht so häufig vor und dauert auch nicht lang. Eure einzige Aufgabe dabei besteht darin, durch Ringe zu fliegen, während Harry automatisch dem Schnatz folgt. Langweiliger hätte man es wohl nicht inszenieren können. Auch kommt keine Stimmung auf, weil ihr von der Atmosphäre im Stadion nicht wirklich etwas mitbekommt. Der Kommentator ist zwar zu hören, mehr als "Griffindor führt!" oder "Das war ein Tor für Hufflepuff" bringt dieser aber auch nicht über die Lippen.
Während ihr durch Hogwarts streift, seht ihr überall leuchtende Objekte, aus denen ihr kleine Hogwartswappen zaubern könnt, um sie dann aufzusammeln. Habt ihr genug kleine Wappen aufgesammelt, füllt sich eine Leiste und ihr bekommt zur Belohnung ein großes Hogwartswappen. Bis zu 150 Hogwartswappen könnt ihr insgesamt finden. Diese schalten aber nur spezielle Charaktere für den Duelliermodus und Achievements frei. Achievementjäger können hier ihre Spielzeit also ein wenig verlängern. Alle anderen machen wahrscheinlich glücklich ihre Konsole aus, sobald der Abspann über den Bildschirm läuft. Was mich besonders gestört hat war, dass sich nach dem erfolgreichen Durchspielen des Spiels nichts geändert hat. Nach einer kurzen Ladesequenz seid ihr wieder in Hogwarts unterwegs und trotz der tragischen Ereignisse verhält sich jeder so wie vorher. Es sind absolut null die Konsequenzen zu spüren. Da hätte man das Spiel lieber komplett enden lassen sollen!
Fazit von pel.Z:
Schlussendlich bleibt mir nicht mehr viel zu schreiben. Harry Potter und der Halbblutprinz ist eine, wie erwartet, mittelmäßige Film-/Buchumsetzung. Die Story, die im Film und Buch gut transportiert wird, kommt im Spiel gar nicht an. Das mag natürlich an der umfangreichen Vorlage liegen und dem Vorhaben, diese auf rund 5-6 Stunden Spielzeit zu reduzieren. Vielleicht sollte man das nächste Mal eher mehr Abwechslung im Spiel unterbringen. Dann würde mich die doppelte bis dreifache Spielzeit auch überhaupt nicht stören. Mit dem momentanen Umfang bin ich froh, dass es so schnell vorbei war. Wobei ich sagen muss, dass ich durchaus in Teilen meinen Spaß hatte.
Als Füller des Sommerlochs ist das Spiel also geeignet. Fans der Geschichte um den Jungen mit der runden Brille, dessen Schauspieler sich aus Imagegründen nackt vor einem Pferd fotografieren lassen musste, haben wahrscheinlich eh schon zugegriffen. Allen anderen sei gesagt, dass man es sich antun kann, aber nicht muss. Wenn ihr andere Spiele im Regal stehen habt, spart das Geld lieber und wartet auf die in ein bis zwei Monaten erscheinenden guten Spiele.
- Atmosphäre
- solide Grafik
- Steuerung
- Kameraführung
- Quidditch langweilig
- zu einfach
- fehlende Abwechslung
pel.Z hat Harry Potter und der Halbblutprinz auf der PlayStation 3 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Electronic Arts zur Verfügung gestellt.
















