Tropico 3 - Review
Einen Cuba Libre. Geschüttelt, nicht gerührt!
Das gute alte Tropico - jetzt mit besserer Grafik. So oder so ähnlich hieß es "damals" bei der Präsentation des fast fertigen dritten Teils des Tropicoversums. Inzwischen ist der Back-to-the-Roots Titel fertiggestellt und ich durfte abseits von gamescom-Strandkörben endlich Hand anlegen. Zigarre angezündet, Cuba Libre gemixt und auf geht es. Schaffen es Haemimont und Kalypso den Erwartungen der treuen Fans gerecht zu werden oder ist Tropico 3 tatsächlich nur ein lascher Aufguss der alten Teile? Bereit machen für die Revolución? Mal gucken...
Um nicht vollkommen verlassen auf unserer kleinen bescheidenen Insel herumzuwandern, werfe ich natürlich erst einmal einen Blick in das Tutorial und bin sofort entzückt. Euer ehrfürchtiger Diener erklärt mit wunderbar spanischem Akzent alle notwendigen Funktionen des Spiels. Hier einen Pedro entlassen, da einen Erlass für euer Schweizer Bankkonto unterschreiben - willkommen in Tropico! Da ich Statistiken liebe, kann ich mir natürlich auch einen Blick in das kubanische Jahrbuch nicht verkneifen und muss beim Punkt "Beziehungen zu den UDSSR - Vorteil: Sie sind Alkoholiker" herrlich schmunzeln. Es scheint tatsächlich das alte Tropico zu sein. Lasst uns die Insel erkunden ..
Aus alt mach neu
Das Tutorial beendet - und jetzt? Zur Wahl steht einerseits der Kampagnenmodus, d. h. erreiche Ziel A in Zeit X, als auch der klassische Sandbox-Mode, d. h. baue ABC in Zeit X und sehe dabei möglichst gut aus. Schwierige Wahl. Obwohl ich normalerweise eher der typische Städtebauer bin, wage ich mich dennoch zuerst an eine kleine Kampagne.
Mein erster Auftrag ist es also innerhalb von 20 Jahren 8.000 Einheiten meiner kostbarsten Agrargüter loszuwerden. Gesagt, getan. Da ich am Anfang noch etwas knapp bei Kasse bin, nehme ich den Handelsvertrag eines amerikanischen Konzerns namens Fruitas Ltd natürlich dankend an - auch wenn das bedeutet, dass die Exportpreise in den nächsten zehn Jahren erst einmal eingefroren werden. Anfangs noch entzückt, was für ein tolles Geschäft ich gerade gemacht habe, knirsche ich bei der Nachricht, dass die Exportpreise gerade um 20 % gestiegen sind, ich aber durch meinen Vertrag daraus keinerlei Nutzen ziehen kann, dezent mit den Zähnen. Was solls. Zehn Jahre sind als Diktator ja schnell vorbei.
Meine Wirtschaft boomt. Ich will gerade den Vertrag kündigen, als ich ein Gegenangebot erhalte. Schwierige Entscheidung .. auf eigenen Füßen stehen, oder angesichts der drohenden Krise (die lieben 60er..) doch lieber wieder den großen Konzernen die Verantwortung zuschieben? Ich entscheide mich für letzteres. Will allerdings stattdessen den anderen Konzern testen. Oder auch nicht? Just in diesem Moment erhalte ich ein neues Angebot von Fruitas. Verdammt! Ist ja nicht so, dass Frauen sowieso Probleme bei Entscheidungen hätten .. also gut. Ich vertraue auf die altbekannte Geschäftspartnerschaft. Gute Entscheidung.
Schlechte Entscheidung. Fruitas kündigt Insolvenz an. ARRRRRRGH! Hätte ich in diesem Moment nicht gerade das Ziel der Mission abgeschlossen, wären mir wohl gerade ein paar (neue) graue Haare gewachsen. Glück gehabt.
El Presidente.. Die Rebellen kommen!
Auch wenn die Missionen bisher sehr spannend waren und durch das ein oder andere unerwartete Zwischenereignis fast schon an ein FEAR herankommen, wende ich mich erst einmal dem beschaulichen Städtebau zu.
Für das volle Spielerlebnis muss jetzt natürlich auch ein eigener Charakter her. Als Che herumzulaufen hat zwar einen gewissen Charme, doch braucht eine Hardcora auch ein entsprechendes Ebenbild. Da ist ein Mann mit süßem Hütchen und Bart doch etwas zu harmlos. Also frisch ans Werk. Hier eine Femme Fatale, da ein Frauenheld. Insel ausgesucht. Viele Zwischenereignisse zulassen. Diktatur!
Das Spiel startet wie immer beschaulich. Mein erklärtes Ziel ist es diesmal, eine Touristenhochburg zu errichten. Im Schnelldurchlauf also: Unterkünfte für die Tropicaner - check, Touristenhafen - check, Hotels - check, Marktplatz für Futter - check, Wachposten für Rebellen - check, Ölraffinerie für $$$ - check, Rebellen formieren sich - argh, Rebellen attackieren Raffinerie - argh, Raffinerie zerbombt - :(, Rebellen attackieren Armee - argh, Armee zu klein - :(, Spiel verloren - ;(
Damn! So einfach ist das Diktatorenleben also doch nicht, doch genau das ist es was Tropico ausmacht. Es ist kein einfaches IchBaueMalEbenEineAbgeschotteteInselMitMeinenSklaven-SimCity sondern eben doch eine etwas anspruchsvollere Wirtschaftssimulation. Ein paar Mietshäuser reichen den Untertanen leider nicht, da muss schon Unterhaltung oder kirchlicher Beistand her. Sind alle Bedürfnisse gedeckt muss man natürlich auch mal an sich denken und die Armee entsprechend aufstocken. Will man das alles bezahlen, muss man natürlich auch Geld in die Wirtschaft pumpen und sich nebenbei mit einem der beiden großen Brüder aus den USA oder UDSSR gut stellen. Als wäre das alles nicht genug Multitasking zischt zwischendurch ein kleiner Tropensturm über die Insel und zerstört diverse Errungenschaften des ach so harten Diktatorendaseins. Menno..
Menno? Eher herrlich! Tropico weiß, wie man den Diktator von morgen ordentlich bis an die Schmerzgrenze führen kann und gleichzeitig himmelhochjauchzend am Spielgeschehen teilhaben lässt.
.. Eine Insel mit zwei Bergen ..
Das Spielgefühl stimmt, also schauen wir uns Tropico doch etwas genauer an. Kommen wir zuerst einmal zum Aufbauprinzip an sich. Als Diktator hat man natürlich viele Möglichkeiten. Ob man sich an einer traumhaft ausgebauten Touristeninsel mit Ruinen und gigantischen Wolkenkratzern, einem Polizeistaat mit Geheimpolizei und Unterdrückung, einem Paradies für waschechte Tropicaner inklusive eisernem Vorhang oder einer Wirtschaftsmacht mit Farmen und Ölbohrtürmen versucht. Alternativen, sollte das eine Ziel nicht klappen, hat man immer. Hauptsache man hält die gewünschten Zielgruppen bei Laune und sorgt für die eigene Sicherheit. Apropos Ego - ein kleines Nebenziel ist es natürlich auch, sein privates Konto in der Schweiz ab und an ein wenig aufzufüllen. Nicht nur, weil es am Ende einer Partie hierfür zusätzliche Punkte gibt - nein. Man fühlt sich einfach wunderbar schamlos, wenn man die eigenen Landsleute um ein paar Dollars beraubt.
Der ganze Spaß wird natürlich durch die wunderbare Grafik noch intensiviert. Ob ein wunderschöner Sonnenuntergang am Ende eines Rebellenaufstandes oder eben der bekannte Tropensturm mit traumhaft dunklem Fallout-Himmel. Man könnte fast meinen, die Macher hätten sich Far Cry als großes Vorbild genommen und eben jene Landschaft in einer WiSim eingebaut.
Passend dazu kommt natürlich auch die geniale Sounduntermalung. Macht es nicht jedem von uns ein bisschen mehr Spaß einen bösen Rebellenanführer liquidieren zu lassen, wenn nebenbei ein wenig Merengue läuft? Und ist es nicht einfach schön, wenn der lateinamerikanische Radiomoderator sich bei uns, dem El Presidente, einschleimt, weil wir einen ach so tollen Sportkomplex gebaut haben und demnächst die Olympischen Spiele bei uns vorbeigucken? Auch die Vertonung all unserer Untertanen, ob nun Tropicaner oder Touristen, wurde wunderbar umgesetzt. Hier ein typischer englischer Tourist, der mit britischem Akzent gerne mit dem Management sprechen würde, da irgendetwas nicht nach seinen Wünschen läuft oder da eine tropicanische Mama, die sich angestrengt nichts mehr wünscht, als ein bisschen Erholung von all ihren Strapazen.
Sound - check. Grafik - check. Steuerung? Na was wohl .. typisch gut. Die Maussteuerung enttäuscht (wie in allen bisherigen Teilen) natürlich nicht! Alles geht wunderbar einfach von der Hand. Rechtsklick auf ein freies Feld - Baumenü. Zeit vorspulen, Erlasse beglaubigen, Stimmung im Volk checken - Klick. Besser geht es nicht.
Summa Summarum
Ist es also ein Top-Titel, wenn ich selbst doch dermaßen begeistert bin? Jein. Es ist definitiv das alte Tropico. Die Musik, die Atmosphäre, die Stimmung, der Humor, die neuen Awards für im Spiel geschaffte Missionen - alles passt perfekt. Leider muss ich dennoch sagen, dass ein gewisser Teil der Vorgänger fehlt. Ich kann nicht betiteln, was genau das ist, doch der Kick der damaligen Teile ist etwas verloren gegangen.
So gesehen ist es ein gutes Tropico - vielleicht gerade deshalb, weil es im Grunde genommen das erste Tropico mit verbesserter Grafik ist. Es gibt zwar einige kleinere Neuerungen, aber irgendwie kennt man das Spiel eigentlich schon vor der Installation fast in und auswendig. Das soll natürlich nicht heißen, dass sich das Spiel nicht lohnt - der Spielspaß ist definitiv gegeben und auch die Missionen wissen einige Zeit zu fordern. Insgesamt reicht es allerdings nicht für fünf Sterne - vielleicht ändert sich dieser Zustand ja mit einem umfassenden Addon? Ich wäre definitiv wieder dabei, wenn es darum geht, meine Skla.. Untertanen wieder ein wenig zu unterdrü.. tätscheln.
Fazit von Hardcora:
Ich erinnere mich an die gamescom, als wäre es gestern gewesen. Kurz vor 18 Uhr am Fachbesuchertag .. ich wollte eigentlich nur Tropico spielen und wurde vom Kollege Haschbeutel aus meinem Strandkorb gerissen, nur um ihm bei einer Partie Tekken zuzuschauen. Gut, dass ich mich mit dem Release des dritten Teils nun endlich wieder voll uns ganz meiner bösen Ader widmen und mich nebenbei von kubanischen Klängen berieseln lassen durfte. Kein Messestress, sondern pures Zockerdasein. Was ist also mein Gesamtfazit? Tropico begeistert in allen Bereichen. Wirtschaft, Unterdrückung, Atombombentest. Was will das Zockerherz mehr? Vielleicht einen Multiplayer? Nein, der wäre in einem Tropico irgendwie unabgebracht. Mehr Erlasse? Vielleicht ein Anfang. Mehr Baumöglichkeiten? Auch nicht schlecht. Mehr Zwischenereignisse? Jaa, bitte! Trotz kleinerer Mängel ist Tropico 3 ein würdiger Nachfolger der alten Teile geworden. Vielleicht etwas zu konzentriert darauf, die alten Fans zu begeistern, aber dennoch ein gutes Spiel, das die entstandene Lücke bei den Diktatorensimulatoren endlich wieder füllt.
- altbekannter, genialer Humor
- schöne Grafik
- Awards!!!1elf
- Atombombentest
- individueller Charakter
- alles gebaut
- und nu?
Hardcora hat Tropico 3 auf dem PC gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Kalypso Media zur Verfügung gestellt.
















