Die Siedler II - Veni, Vidi, Vici - Review
Retroflash #04 - Als das Wuseln noch Kult war ...
Bordbuch des Oktavius, Kapitän der Torzius: Die Torzius macht gute Fahrt bei mittlerem Südwestwind. Morgen werden wir das tückische Meer der Stürme durchquert haben. Wenn alles gut geht, erreichen wir die Latonischen Provinzen in 4 Tagen. Zweiter Eintrag am Abend des selben Tages: Am Horizont türmen sich Wolken und wir sind immer noch im Meer der Stürme. Ich bete zu allen Göttern! Eine lange und dunkle Nacht erwartet uns. Eintrag am Morgen des 18. Tages im Monat des Mars: Ein Sturm überfiel uns wie ein Räuber in der Nacht - ich musste den Treibanker setzen. Bis in die 4. Nacht peitschte der Wind uns durch die Finsternis kreuz und quer. Der Ausguck erkannte die Gefahr erst, als ein Blitz hinter den viel zu nahen Klippen aufzuckte. Die Torzius existiert nicht mehr. Was von meinem treuen Schiff übrig geblieben ist, sind Trümmer auf einer Sandbank vor der Küste einer unbekannten Insel. Die Sterne sagen uns, dass wir fernab aller Handelswege liegen. Es wird uns so schnell niemand finden. Aber den Götter sei dank - wir leben und der Boden scheint fruchtbar zu sein. Ob hier Menschen wohnen, wissen wir noch nicht ...
Früher war alles besser!
Ich hasse diesen Spruch, aber seien wir mal ehrlich - Siedler ist schon lange kein Siedler mehr. Siedler III ging ja mit Abstrichen noch mehr oder minder in Ordnung, aber alles was danach kam, war einfach nur ein schwacher, lauer Aufguss ohne Substanz und Seele. Der Wuselfaktor wich 08/15 Aufbaustrategie, der einfache aber stets komplexe und wohl durchdachte Warenkreislauf wich einer aufgeweichten Infrastruktur und das gemütliche Siedeln musste immer mehr dem dynamischen Kampf Platz machen. Man hatte zwar Siedler im Laufwerk, aber trotzdem hatte ich immer wieder das Gefühl, gerade ein Anno-Addon zu spielen.
Zeit also, sich zu fragen, was "Die Siedler II" zum absoluten Kult-Wuseltitel machte und heute noch macht. War es die fordernde Kampagne, in der ihr euch als Helfer für den römischen Seefahrer Oktavius durch unbekannte Welten geschlagen habt, sie bewohnbar macht und euch gegen feindliche Wikinger und Asiaten erwehrt habt? Oder das freie Spiel, das dank mitgeliefertem Editor, einer aktiven Community, reichlich Karten und quasi unendlichen Spielkombinationen für ununterbrochenen Spielspaß sorgte?
Ich kam, sah und ... wuselte!
Es lag wohl zu einem großen Teil an den obigen Punkten, doch alles wurde garniert durch ein Wirtschaftssystem, welches die Genrebezeichnung "Wirtschaftssimulation" perfekt mit "Aufbaustrategie" kombinierte. Beginnen wir doch einfach am Anfang - dem Nichts. Nur ein Hauptgebäude besiedelt das Land - drumherum nichts außer Natur. Vögel zwitschern in bester 16-Bit-Manier, die Bäume wehen im Wind, die Meeresbrise rauscht. Das sind doch perfekte Grundlagen für eine Siedlung. Also geht es los. Was brauchen wir? Holz! Alles klar, ein Holzfäller muss her. Der wird am besten direkt am Wald platziert. Doch natürlich muss jemand die Bäumchen nachpflanzen. Also direkt daneben ein Forsthaus daneben gesetzt. Damit die Holzstämme verarbeitet werden konnten, musste ein Sägewerk gebaut werden und - tada - der erste Warenkreislauf war geboren. Was für ein tolles Gefühl. Doch halt - wieso tut sich da nix? Ah, genau! Die Straße fehlt, denn damals war noch echte Handarbeit gefragt. Hier wurden die Wege noch selbst geplant und verlegt. Kaum stehen die Verbindungen, geht das los, was allen Siedler-Fans das Herz aufgehen lässt. Unzählige kleine Pixelhelfer strömen aus dem Hauptquartier, verteilen sich auf den Straßen, beschäftigen sich, bringen Baumaterial und fangen an, die Gebäude zu bauen. Der Boden wird planiert, es wird gehämmert und gesägt und plötzlich ist man mittendrin - mitten im wohl schönsten Moment der Strategie-Geschichte. Man ist im Wuselfieber. Doch es geht weiter - Förster, Sägewerk und Holzfäller sind erst der Anfang.
Irgendwann brauchen die Siedler Werkzeug. Der Handwerker benötigt aber nicht nur Holz, sondern auch Kohle. Doch die gibt es nur im nahegelegenen Berg. Also erweitern wir unser Gebiet, schicken Geologen los und lassen sie die Berge nach Rohstoffen absuchen. Kaum fündig geworden, geht es los. Kohlebergwerk aufziehen, Gold- und Eisenbergwerke ebenso. Aber die Arbeiter haben Hunger: Essen muss her. Wir bauen also einen Jäger, der Bambi im Wald mit Pfeil und Bogen erlegt und lecker Hirschragout daraus macht. Dann noch ein Angler, der die Arbeiter mit leckerem Fisch versorgt. Aber irgendwann reichen die natürlichen Vorkommen nicht mehr aus, also müssen Bauernhöfe gebaut werden, die Getreide anbauen. Das Getreide wird dann verteilt auf Bäcker, Mühlen, Schweine- und Eselzüchter. Doch irgendwie sind die Laufwege zu lang - wo könnte man optimieren? Und wo stelle ich jetzt den Goldschmied hin? Zur Kohlefabrik oder doch lieber direkt ans Lager? Oder greife ich direkt die Wikinger an und versuche ihre Versorgungswege lahmzulegen?


Kann. Nicht. Aufhören. Muss. Siedeln.
Die Planung eurer Siedler war nicht nur ein toller Zeitvertreib, sondern später auch spielentscheidend! Diese Kombination ist und war es auch, die Siedler II bis heute für mich zum absoluten Meilenstein der Aufbaustrategie macht - selbst mein ebenso heilig gehandeltes Age of Empires II wird hier auf den zweiten Platz verwiesen. Die folgenden Ableger von den Siedlern versuchten sich stets auf einen der Faktoren (Wirtschaft, Wusel, Aufbau, Militär) zu konzentrierten und scheiterten kläglich - weil sich Siedler seither nie wieder von der Konkurrenz abgehoben hat. Wer realistische Aufbaustrategie wollte, griff zu Anno - und mit Age of Empires und Civilization war genug Abwechslung zu finden.
Damals bot Siedler II eben diesen wunderbaren Mix aus allen Bereichen und konnte auch noch mit großartiger Technik prahlen: 256 Farben, Auflösungen bis 1024x768 Pixel, 2D-Umgebung mit vorberechneten Gouraud Shading 3D-Effekten, die den Siedlern und den Gebäuden Leben einhauchten. Absolutes Highlight war die einstufige Zoom-Funktion, die das Treiben plötzlich ganz groß erscheinen ließ - pixelzählen inklusive. Aber hey, für damals war das Bombe ... und irgendwie sieht es selbst heute noch toll aus. Ausserdem konnte man an einem Monitor Split-Screen zocken - Wahnsinn! Gut, die Mac User schauten damals doof drein, denn die alte Generation der Apfelkisten unterstützte nur eine Maus gleichzeitig. Blöd gelaufen. Wer aber zusammen mit einem Freund spielen konnte, der hatte fast doppelten Spaß! Gut, natürlich war nicht alles ohne Makel damals. Das indirekte Kampfsystem hat mich oft zur Weißglut getrieben. Da dieses ein passives System war, in dem man nur Soldaten in den Kampf befehligen konnte, nicht aber direkt eingreifen, war man stets dem Zufall ausgeliefert, wie ein Kampf nun ausgehen möge. Je nachdem, wie viel Gold ihr in eure Soldatenausbildung gesteckt habt, konnten diese unterschiedlich viele Treffer aushalten. Der Standard-08/15-Kanonenfutter-Rekrut hielt immerhin drei Treffer aus, bevor er das Zeitliche segnete. Nach der ersten Beförderung zum Gefreiten hielt er vier Treffer aus, und so weiter.
Ärgerlich war es dann, wenn mein voll ausgebildeter General gegen einen feindlichen Rekruten verlor, weil dieser sieben mal hintereinander getroffen hat, während mein General zu blöd war, auch nur einen einzigen Treffer zu landen. Doch abgesehen von diesen Momenten - wüsste ich nicht was ich zu bemängeln hätte. Siedler II ist und bleibt Kult. Und ich - ich siedel jetzt noch eine kurze Runde. Diesmal können sich diese verflixten Nubier warm anziehen - das Gold gehört mir! Oder versuche ich einfach, direkt vorzupreschen? Doch was mache ich mit den Wikingern? Verflixt...
Fazit von Philipp:
Ich weiß noch genau, als ich mir "Die Siedler II" im Paket mit Civilization II und Sim City 2000 gekauft habe - und das als Shooterfan! Die Siedler II war quasi meine Bekehrung in Sachen Aufbaustrategie. Doch wie huldigt man einem Spiel aus deutschem Hause, das mir nicht nur Stunden und Tage, sondern Monate und gar Jahre meines Lebens versüßt hat? Ein Kniefall wäre wohl zu wenig für ein Spiel, welches selbst jetzt nach über 14 Jahren noch genauso fesselt, wie am ersten Tag. Kaum habe ich eine Partie begonnen und die ersten Siedler strömen aus meinem Hauptquartier, kann ich mich nicht mehr vom Bildschirm lösen. Obwohl die Grafik mittlerweile mehr als veraltet ist und der Sound dem 5.1-Verwöhnten Ohr die roten Blutstropfen herausquetscht, mag man sich einfach nicht vom Treiben auf dem Bildschirm lösen. Ständig will man seine Siedlung optimieren, die schnellsten Warenkreisläufe herausfinden, gerade noch das Stückchen Land erobern. Soviel Suchtfaktor hat bisher kaum ein Spiel bei mir ausgelöst - und vor allem kein weiterer Ableger der Reihe. Obwohl Siedler III noch durchaus nett war, waren die fehlende Wegsetzungsfunktion und der veränderte Warenkreislauf, sowie das aktive Kampfsystem gravierende Einschnitte und ein erstes Indiz, dass die Siedler-Reihe langsam den Bach runtergeht. Ich bin zwar gespannt, was Ubisoft mit Siedler VII nun anstellt, aber - nunja. Ich spiele derweil doch lieber den Klassiker. Denn mit ein paar Tricks läuft der auch auf aktuellen Systemen.
- Wusel!
- Kaugummikauende Siedler
- Fesselnd von Anfang bis Ende
- Logische Infrastruktur
- Liebevolle Präsentation
- Intuitiv und einfach
- Umfangreiche Kampagne
- Motivation ohne Ende
- Kampfsystem stark zufällig
- Messlatte zu hoch für nachfolgende Siedler
Philipp hat Die Siedler II - Veni, Vidi, Vici auf dem PC gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Blue Byte zur Verfügung gestellt.


#1 | 31. Januar 2010 um 15:07 Uhr
#2 | 31. Januar 2010 um 17:44 Uhr
#3 | 5. Februar 2010 um 23:45 Uhr
#4 | 11. Februar 2010 um 23:05 Uhr
Jetzt bin ich auch schon wieder das 2.mal am Siedler NG am durchspielen - man wird gleich wieder von dem Spiel gepackt.
@Haschbeutel : Tag- und Nachtwechsel kann man in den Optionen ausschalten. (hat mich auch genervt)
#5 | 11. Februar 2010 um 23:09 Uhr