White Knight Chronicles - Review
Sammeln, Kämpfen, Ausrüsten, Aufleveln - ein gutes Rollenspiel?
Es war einmal ein Rollenspiel, das die Meinungen spaltete - kein World of Warcraft, sondern ein White Knight Chronicles auf der Playstation 3. Es sollte erst 2007 erscheinen, dann 2008 und schließlich erblickte es 2009 das Licht, vorerst aber nur in Japan. Noch ein Jahr später veröffentlichte Sony auch im Rest der Welt das Fantasy-Abenteuer. Die Zeit hat ihre Wunden hinterlassen: karge Texturen und aufgesetzt wirkende Animationen prägen das Bild, die Engine hat spürbare Probleme mit Effekten und obendrein muss man leider immer und immer wieder den einen oder anderen Ruckler ertragen. Aber spielerisch ist dieses Rollenspiel noch längst nicht abgeschrieben. Verbirgt sich hinter der veralteten Kulisse vielleicht ein richtig gutes Rollenspiel? Und was hat es mit dem Onlinemodus auf sich?
Einstieg mit Ernüchterung
Alles beginnt ganz unspektakulär. Bevor man richtig in die Kampagne einsteigen kann, stattet man erst einmal dem umfangreichen Charaktereditor einen etwas längeren Besuch ab, um seinen Helden zu erschaffen, und passt die Figur entsprechend an: soll die Hauptperson männlich oder weiblich, groß oder klein, jung oder alt, stark oder schwach sein? Vollbart, Schnauzer oder gar kein Bartwuchs? Soll die Nase noch zwei, drei Zentimeter höher oder der Bauch noch ein wenig dicker werden? Ihr habt es selbst in der Hand und könnt eure Figur ganz nach Belieben designen, je nachdem, wie ihr es eben haben wollt. Ich persönlich bin mit einem rothaarigen jungen Mädchen losgezogen - schade, dass das ganze Designen letztlich fast schon für die Katz ist! Denn euer erschaffener "Held" ist im Grunde nichts weiter als ein Statist, der vollkommen teilnahmslos dem Rest der Gruppe hinterhertrottet und meistens wie bestellt und nicht abgeholt rumsteht. Ihr könnt es euch wahrscheinlich auch schon denken: ja, für die Story spielt er ebenfalls keine Rolle! In den wenigen gerenderten Zwischensequenzen taucht er folgerichtig und logischerweise überhaupt nicht auf und auch sonst wirkt er so nutzlos und sinnlos wie ein Kropf, lediglich in den Kämpfen kommt er wirklich zum Einsatz. Das ist - gerade für ein Rollenspiel - wirklich erschreckend und primitiv. Sinn und Zweck des eigenen Charakters ist nämlich eigentlich der Onlinemodus, in dem ihr mit eurem Helden spielt. Die eigentlichen Protagonisten von White Knight Chronicles sind aber Leonard, Yulie und ein paar andere Schlüsselfiguren, die jedoch ebenso belanglos und austauschbar wirken ...
Der Überfall auf Schloss Balandor und die Entführung der Prinzessin
Aber schauen wir uns die Story erst einmal genauer an. Die Aufgabe ist klar: die Prinzessin aus den Klauen des bösen General Dragias retten! Der Bösewicht hat das junge Mädchen Cisna, das seit dem Tod ihrer Mutter kein Wort mehr von sich gibt, nämlich während einer Friedensfeier entführt und obendrein noch ihren Vater, den König, umgebracht. Anschließend entkamen die fiesen Eindringlinge, die als wandernde Gaukler getarnt waren, mit einem Luftschiff. Obwohl Leonard in der Rüstung des Weißen Ritters, den er mit einem mysteriösen Artefakt beschwören konnte, tapfer kämpfte, konnte er Cisna nicht retten - also macht er sich folgerichtig auf die Suche. Ganz alleine - unseren Statisten-Helden mal abgesehen - ist er aber dennoch nicht unterwegs, denn während des Abenteuers schließen sich ihm immer mehr Mitstreiter an, sodass die Party stetig wächst. In den Kämpfen ist man trotzdem nur mit drei Charakteren aktiv. Die Story ist klischee- und märchenhaft zugleich: auf der einen Seite gewöhnlich, auf der anderen Seite aber spannend und humorvoll erzählt. Auf jeden Fall reicht die Handlung dafür aus, dass man motiviert ist, das Ende zu erfahren - auch wenn es erwartungsgemäß mit einem Cliffhanger endet, der auf den kommenden zweiten Teil hinweist. Nicht verzeihen kann man dagegen die lippenasynchrone englische Sprachausgabe, die die Atmosphäre besonders in den Zwischensequenzen vernichtet. Die deutschen Untertitel sind dafür größtenteils ordentlich.








Hoffnungslos veraltet - und auch noch unsauber ...
Während eures linearen Abenteuers trefft ihr natürlich immer wieder auf feindlich gesinnte Wesen, die euch an den Kragen wollen - egal ob Riesenwespen, Spinnen, Trolle, Gnome oder sonstiges Getier, die Hälfte von allem, was in den Spielbereichen kreucht und fleucht, will euch an den Kragen. Dabei ist es teilweise extrem fies, wenn plötzlich zwei, drei Meter vor euch ein Monster aufploppt, das vorher noch nicht dagewesen war. In solchen Momenten merkt man immer wieder, wie überfordert die Grafik-Engine ist, zumal die Grafik ohnehin wie von vorgestern aussieht. Die Texturen sind zumeist wirklich hässlich, die Animationen wirken veraltet, die Weitsicht ist ein Witz und nervige Ruckler und Slowdowns trüben das Bild noch zusätzlich. Dass Gegenstände und Monster einfach aufploppen, ist genauso wenig verständlich, wenn man sich mal ansieht, was Grafik-Referenzen wie Uncharted 2 oder Killzone vollkommen sauber auf den Bildschirm zaubern - im Vergleich dazu sieht White Knight Chronicles sowieso wie ein PS2-Spiel aus. Aber zurück zum Kampfsystem: man kämpft eigentlich in Echtzeit, aber die verschiedenen Aktionen werden über eine Aktionsleiste, also menübasiert, ausgewählt. Nach einer Aktion müsst ihr erst ein paar Sekunden warten, bis sich eine andere Leiste wieder aufgefüllt hat - erst dann könnt ihr die nächste Aktion ausführen. Das Kampfsystem funktioniert im Grunde recht gut, wird aber auf Dauer etwas eintönig.
Kampf gegen Langeweile
Ihr könnt jederzeit zwischen den Charakteren wechseln und den anderen im Kampf auch Befehle geben. Es gibt eine riesige Vielfalt an verschiedenen Aktionen, die ihr ausführen könnt - je nachdem, für welche Fähigkeiten ihr euch in der Charakterentwicklung entschieden habt. Schwarze und weiße Magie, Äxte, Klein- und Großklingen, Speere, Stäbe und Bögen stehen euch als Fähigkeiten zur Verfügung, in die ihr eure Erfahrungspunkte investieren könnt. Ihr könnt sogar eigene Kombos erstellen und in der anfangs sehr leeren, später aber überfüllten Aktionsleiste platzieren. Diese kosten jedoch, genau wie stärkere Angriffe, Aktionschips, die ihr euch erst mit leichten Angriffen verdienen müsst. Das ganze System kann durchaus motivieren, wird aber auf Dauer sehr eintönig und vor allem langweilig, weil alles, was euch über den Weg läuft, nach wenigen Sekunden oder ab und zu Minuten vernichtet ist. Der Schwierigkeitsgrad der Kampagne ist sowas von lasch, dass sogar das kinderleichte Giana Sisters DS eine größere Herausforderung bietet. Dazu kommt, dass die Beschwörung des Weißen Ritters das Ganze noch viel einfacher macht, denn der gigantische Blechhaufen streckt mit einem Schlag sowieso alles nieder. Da bringen auch verschiedene Statuseigenschaften, Schwachpunkte und Trefferzonen nichts, auch die Bosskämpfe sind fast schon witzlos und vollkommen ohne Anspruch. Die Partner-KI ist aber so oder so zum Vergessen: habt ihr zum Beispiel einen Schwarzmagier in euren Reihen, bekämpft der auch Feuerwesen mit Feuerstürmen. Bevor ihr ihm aber den Befehl dazu gebt, kämpft er sogar überhaupt nicht. Das sorgt leider für eine furchtbare Langeweile in den Kämpfen, die sich über die komplette Spielzeit von 35-40 Stunden hinzieht - sehr, sehr schade.








Erkundungsreize und Onlinemodus zum Trost
Alles in allem, es wird euch wohl schon offensichtlich sein, ist die Kampagne meiner Ansicht nach eher schlecht als recht. Gerade was das Spieldesign angeht, ist da wirklich einiges schief gelaufen. Mir hat das Hauptspiel nicht besonders gefallen - warum auch? Knapp 35 Stunden Langeweile und Anspruchslosigkeit pur können eben speziell auf Dauer weder unterhalten noch motivieren, auch wenn massig Erkundungs- und Sammelreize vorhanden sind, dank der vielen verstreuten Schätze und Objekte. Dennoch sollten gerade Onlinespieler White Knight Chronicles nicht zwingend abschreiben, denn der Onlinepart ist eine riesige Überraschung und verdammt spaßig! Ihr könnt nämlich ganze 50 Quests, die ihr erst nach dem Durchspielen der Kampagne freischaltet, mit drei Freunden kooperativ über das Internet angehen. Und das macht tatsächlich eine Menge Spaß und kann auch über lange Zeit motivieren, auch ist hier der Schwierigkeitsgrad deutlich fordernder. Ihr spielt übrigens mit eurem selbst erstellten Helden aus dem Hauptspiel, den ihr allerdings nicht mehr verändern könnt, außer ihr seid gewillt, dafür auch noch echtes Geld zu bezahlen - in meinen Augen ein ziemlich gemeines und doofes Feature. Wahlweise könnt ihr die Quests auch offline angehen, was aber hirnrissig dumm umgesetzt wurde, weil ihr ganz alleine und somit ohne KI-Kameraden kämpft - das ist auch verdammt frustrierend, weil man für die meisten Quests alleine viel zu schwach ist. Besonders cool und motivierend ist aber das so genannte Georama-System: damit kann man sich im Handumdrehen selbst eigene Städte erschaffen und ausbauen. Das funktioniert sehr gut und ein wenig Abwechslung bringt es auch ins Spiel. Ihr könnt ebenfalls Georamen anderer Spieler besuchen und versuchen, Einwohner in eure Stadt zu locken. Auf jeden Fall ein sehr gelungener Spaß, der leider nicht über die schrecklich schwache Kampagne hinwegtrösten kann, aber zumindest zeigt, was hier alles drin gewesen wäre ...
Fazit von Tim:
- spannend erzählte, aber im Grunde recht kitschige Geschichte
- großartiger Onlinemodus mit Coop- Feature motiviert auch noch nach dem Durchspielen weiter
- motivierendes Georama-System mit interessantem Städtebau
- zahlreiche Möglichkeiten zur Charakter-, Kombo- und Ausrüstungsentwicklung
- sehr viele versteckte Schätze usw. sorgen für große Erkundungsreize
- gutes Kampfsystem mit leichtem taktischen Einfluss, ...
- 50 zusätzliche Quests
- sehr umfangreiches Gesamtpaket
- eigene Spielfigur ist stumm und ohne Bezug zur Story
- kinderleichter, geradezu witzloser Schwierigkeitsgrad in der Kampagne
- veraltete Grafik, karge Texturen
- Ruckler, Pop-Ups & Slowdowns
- lippenasynchrone Sprachausgabe
- unfair: in manchen Offline-Quests fällt die Party weg
- stark schwankende KI-Qualität
- abwechslungsarmes Gegnerdesign
- ... das dank fehlender Herausforderung in der Kampagne eintönig wird
Tim hat White Knight Chronicles auf der PlayStation 3 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Sony CEE zur Verfügung gestellt.


#1 | 12. März 2010 um 09:35 Uhr
muss mich nur beeilen, denn ab dieser woche kommt jede woche kostenloser white knight chronicles kontent (in form von quests) im PSN (bis juni) ^^