Greed Corp - Review
Rundenstrategie ist tot. Lang lebe die Rundenstrategie!
Indie-Spiele haben es selten leicht. Meist bekommen diese Perlen nie die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdient hätten. Andere erscheinen einfach zur falschen Zeit und müssen gegen große Spiele antreten, die nunmal einfach mehr im Rampenlicht stehen. Wieder andere Titel bieten ein schreckliches Tutorial, welches die ungewohnte Spielmechanik nicht richtig erklärt, obwohl es so viel Potential hat, dass es locker die Genrestandards der letzten Jahre auf den Kopf stellt. Und manche Titel vereinen einfach alle diese Aspekte - Greed Corp zum Beispiel. Aber trotz dieser unvorteilhaften Eigenschaften fesselt mich dieses Spiel seit Tagen Stunden über Stunden vor den Monitor, länger, als es sonst ein Spiel die letzten Monate getan hat. Warum? Nun, das erfahrt ihr in meiner kurz-knackigen Review - ich muss nämlich gleich wieder weiterspielen!
Aller Anfang ist schwer...
... und das ist ausnahmsweise mal ernst gemeint. Denn das Tutorial, was euch Greed Corp bietet, ist nur ein "Mach-dies-und-das-wie-wir-es-dir-zeigen" ohne nennenswerten Grund, warum wir das tun. Dabei bietet das Spiel ein Handlungsrepertoire, welches ihr an zwei Händen abzählen könnt. Doch um was geht es eigentlich? Greed Corp ist ein rundenbasiertes Strategiespiel, welches zeitlich grob im Rahmen der Industriellen Revolution anzusiedeln ist. Den Kulturen geht es gut, es gibt Rohstoffe ohne Ende und jeder beutet den Planeten aus, soweit es geht - bis zu dem Tag, an dem ein verheerendes Erdbeben die Welt sprichwörtlich in Stücke reißt. Fortan leben die vier Fraktionen auf atollähnlichen Plattformen, die durch weiteren Aubbau von Rohstoffen jederzeit einstürzen können - alles darauf Erbaute wird mit in die unendliche Tiefe und das große Wasser gerissen. Natürlich stürzen diese Platten nicht einfach so ein. Dafür müssen wir erstmal was tun!


Ein Pferd. Ein Königreich für ein Pferd!
Im Prinzip ist Greed Corp sehr schnell erklärt, denn eine große Auswahl an Gebäuden und Einheiten habt ihr nicht. Wie so oft gilt es, die eigene Fraktion zum Sieg zu führen und die Gegner von der Karte zu putzen. Soweit, so normal. Hinzu kommen nun jedoch einige Faktoren, die das Spiel mehr als nur fordernd machen. Das Spielfeld besteht aus Hexafeldern (ja, sie sind immer noch nicht tot!), auf denen ihr eure Einheiten bewegen und neue Felder für euch erobern könnt. So weit, so klassisch. Komplex wird Greed Corp sprichwörtlich in der Tiefe. Die Hexafelder sind nämlich nicht nur 2D-Terrain, sondern bis zu sechs Schichten tief. Diese Schichten stellen die Ressourcen da, die ihr Abbauen könnt. Und hier kommen die Gebäude ins Spiel, von denen es tatsächlich gerade einmal zwei Stück gibt - die Waffenfabrik, in der ihr eure Einheiten herstellt, und den Buddler, der die Rohstoffe der Felder erntet.
Auch kampftechnisch sieht es eher mau aus. Für den Kampf gibt es nur zwei Einheiten - die statische Kanone für den Fernkampf, für die man auch Munition herstellen muss, und die Schreiter als mobile Kampftruppe. Hinzu gesellt sich ein Flugzeug, welches die Schreiter auch über Abgründe fliegen kann.
Denken. Bauen. Denken. Warten. Erobern.
Nur zwei Kampfeinheiten und zwei Gebäudetypen? Was soll das denn für ein Mist sein? Nun, weniger ist manchmal eben doch mehr. Wie bereits erwähnt ist Greed Corp ein rundenbasiertes Strategiespiel. In jeder Runde habt ihr 60 Sekunden Zeit, euren Zug zu planen, Gebiete einzunehmen, Gebäude zu bauen und Einheiten zu produzieren. Diese sind dann immer jeweils in der nächsten Runde verfügbar. Als Ressource gibt es Geld - logisch. Die Menge an Geld wird durch zwei Faktoren bestimmt. Zum einen der "feste Faktor", also die Menge an Geld, die jeder Spieler zu jeder Runde bekommt. Je länger die Partie dauert, desto mehr Geld bekommt man. Zusätzliche Kohle kann man damit verdienen, indem man Ressourcen abbaut - womit wir beim Kernpunkt des Spiels angelangt wären. Wie bereits erwähnt, besitzen die Spielfelder Schichten, in der Ressourcen gelagert werden - bis zu sechs Schichten kann ein Feld stark sein. Sobald ihr einen Buddler baut, beginnt dieser am Anfang jeder Runde damit, die Ressourcen und damit die Schichten unter sich abzubauen - und auch von den Feldern, die ihn umgeben!


Das bedeutet, dass jeder Buddler euer Spielfeld in der Tiefe minimiert - wenn alle sechs Schichten abgebaut sind heißt es, enger zusammenrücken. Erbarmungslos wirtschaftet der Buddler weiter und reißt bis zum bitteren Ende alles mit sich, was er erwirtschaften kann. Wenn die letzte Schicht erreicht ist, bekommt das Hexafeld Risse - jetzt heisst es aufgepasst. In der nächsten Runde verschwindet dieses Feld in den Tiefen des Nebels. Sollten weitere brüchige Felder daneben sein, werden diese ebenfalls gnadenlos mitgerissen - Kettenreaktionen sind hier wichtiger Kalkulationsfaktor. Ihr seht also, das primäre Ziel jeder Karte ist vor allem eines: Raum gewinnen und möglichst hohe Felder ergattern, auf denen ihr in Ruhe bauen könnt, während auf den kleineren Feldern drumherum fleißig abgebaut wird. Doch wer denkt, er kann sich bequem auf einem hohen Berg ausruhen, der irrt. Denn die Kanonen im Spiel machen das, was die Buddler machen, nur bekommt ihr kein Geld dafür und der Gegner freut sich. Jeder Kanonentreffer reduziert euer Feld um eine Schicht. Wenn gar eine rissige, letzte Schicht getroffen wird, können ebenfalls Kettenreaktionen gebildet werden, die ganze Kartenteile mit sich reißen können. Zudem tötet jede Kugel fünf eurer Schreiter, falls welche auf deinem Feld sind - von diesen Kampfeinheiten, die ihr in der Waffenfabrik bauen könnt, können jeweils nur 16 Stück auf einem Feld sitzen. Genaue Angriffsplanung ist hier ein Schlüssel zum Erfolg!
Raus aus meinem Hex, oder ich wirtschafte dich in den Abyss!
Ihr seht, trotz der geringen Baumöglichkeiten ist das Spiel durchaus komplex veranlagt. Es gibt keine ultimative Taktik, ständig muss man seine Strategie neu planen, da man nie weiß, was der Gegner gerade vorhat. Stärke ich meine Einheiten, damit er nicht in meinen Rücken fliegt und dort Buddler baut, die meinen Grund und Boden zerstören? Sichere ich mir hohe Plateaus, verschanze mich und greife dann mit Kanonen und Flugzeugen an? Oder starte ich einen Frontalangriff? Doch was, wenn die brüchige Brückenstelle vor mir wegbricht, während ich vorrücke? Und wie könnte ich die Kettenreaktion nutzen, um den Gegner zu schwächen? Fragen über Fragen - und das Beste daran ist, dass die Runden durch exakt dieses Feature des immer kleiner werdenden Spielfeldes meist nur einige Minuten dauern. So ist Greed Corp nicht nur taktisch und anspruchsvoll zugleich, sondern es bietet auch die perfekte Unterhaltung für die kurze Pause zwischendurch. Wenn man dann noch mit bis zu drei anderen Freunden online gegeneinander antritt und sich schwarz und blau ärgert, weil einem irgendwer gerade die Taktik versaut hat, man dabei trotzdem einen Riesenpaß hat und sich freut, endlich mal wieder was Innovatives spielen zu dürfen, dann... ja, dann zeigt Greed Corp allen millionenschweren Titel da draußen die lange Nase. Für gerade einmal 800 MS-Punkte bzw. 9,90$ im PSN-Store bekommt man einen Titel geboten, der zwar etwas Einarbeitungszeit benötigt, dann aber absolut begeistert. So, und ich gehe jetzt wieder an meiner Taktik schrauben. Wer traut sich, gegen mich anzutreten?
Fazit von Philipp:
Greed Corp ist wieder eines dieser Spiele, bei denen man zuerst denkt: "Mein Gott, was soll das denn? Nicht mal für ein anständiges Tutorial hat es gereicht!". Man arbeitet sich aber dennoch ein, weil man das Konzept doch irgendwie interessant findet, auch wenn man es nicht auf den ersten Blick versteht. Und dann? Dann zündet der Funke, man versteht die Spielmechanik, man tastet sich langsam an die Taktikmöglichkeiten heran. Auch wenn es faktisch nur drei Einheitentypen (Kanone, Schreiter, Transportflieger) und zwei Gebäudearten (Waffenfabrik, Buddler) gibt, bietet diese geringe Auswahl doch plötzlich so viel mehr Taktik als vergleichbare Spiele. Zum Teufel mit meinen 1000 Fußsoldaten, 500 Schlachtschiffen und 630 Flugzeugen. Scheiss auf komplexe Warenkreisläufe und die taktische Bodenbeschaffenheit. Hier wird mit ganz wenigen Zutaten ein ganz großes Rundenstrategiesüppchen gekocht. Man muss dem Spiel nur die Chance geben, einem die Suppe schmackhaft zu machen. Saugt euch unbedingt die Demo - wer auch nur ein bisschen für (Runden-)Strategiespiele übrig hat, der wird es sicher nicht bereuen.
- einfaches Spielprinzip
- schier unendliche Möglichkeiten
- taktische Vielfalt
- perfekt für "zwischendurch"
- erfrischend neu und simpel
- 4-Spieler Coop
- schöner Soundtrack
- hübsche Grafik
- benötigt Einarbeitungszeit
- Tutorial mehr als mager
- "Story"-Kampagne verzichtbar
- keine Sprachausgabe
- Musik wiederholt sich zu schnell
- eine weitere Kameraperspektive fehlt
Philipp hat Greed Corp auf der Xbox 360 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von W!Games zur Verfügung gestellt.

