Black Sails - Das Geisterschiff - Review
Das Traumschiff, seine Geister und ich.
"Es ist der 4. Januar 1884. Anna, eine junge Journalistin der New York Times, ist auf dem Weg nach Europa, wo sie für eine aktuelle Story Nachforschungen anstellen will. Doch ihr Schiff erreicht niemals sein Ziel, denn es kentert in einem schweren Sturm." - Eine Geschichte voller Rätsel und Geheimnisse, ein großes Abenteuer mit Tiefe? Oder doch eher ein Adventuresimulator aus dem Hause astragon? Mehr als gespannt begab ich mich in die Untiefen des Geisterschiffs - ob das Spiel einem Hardcor(e)adventurefan wie mir gewachsen war?
Ghost Whisperer
Als geprüfter Geisterjäger und hungriger Adventurespieler kam ich um "Black Sails - Das Geisterschiff" natürlich nicht drumrum. Die Story hörte sich interessant an und auch der Trailer war vielversprechend. Zitat Handbuch: "Alles, was Sie brauchen, um Anna auf dieser Reise zu begleiten, ist ein PC, Ihr Verstand und starke Nerven" - PC - check, Verstand - relativcheck, starke Nerven - seit Lost Crown leider nicht mehr, aber ich bin ja schmerzgeprüft. Auf geht es also ins Abenteuer und schon werd ich von den unerwartet guten Synchronsprechern beeindruckt. Nicht schlecht, deck13 & astragon. Die ersten Gameplayminuten schwinden und ich muss beim Unterbringen einer gigantischen Harpune in der Hosentasche unserer Protagonistin dezent schmunzeln. Ich liebe realistische Adventures und deren Eigenhumor ;D.
Nach dem guten Start kommt leider auch relativ schnell die Ernüchterung. Während der erste Raum noch durch allerlei interessante Ecken anspornt, nervt mich mein Kumpane bereits nach 10 Minuten (Intro inkludiert). Trotz der wirklich gelungenen Synchronisation mag der Funke bei den Hauptdarstellern nicht richtig überspringen. Glücklicherweise trennen sich die Wege der Beiden im Laufe des Spiels und ich darf das Schiff allein erforschen. Nachdem endlich ein Ausweg aus dem ersten Raum - ich erwähne das explizit, da es nicht allzu viele Locations gibt - gefunden ist, läuft mir erstmal ein kalter Schauer über den Rücken. Dabei sollte es allerdings auch bleiben - Licht gefunden, ab und zu ein boo und das wars. Ja, es ist laut Titel ein Geisterschiff - wo also verstecken die sich? Ein bisschen mehr Ghost Ship wäre doch toll gewesen - vor allem mit der Italienerin im roten Abendkleid.




Die (leider nicht) unendliche Geschichte
Im Laufe der Geschichte entwickelt sich langsam aber sicher ein mehr oder minder schweres Problem: irgendwie unterhält das Adventure, doch ist die Story viel zu flach. Irgendwie will man als Spieler mehr über die Hintergründe und Begebenheiten des Schiffes erfahren, doch wird dieser Wunsch vom Spiel selbst leider nicht erfüllt. Was bleibt? Eine gewisse Leere. Irgendwas fehlt. Hier wird definitiv Potential verschenkt - warum "mal kurz" ein Adventure auf den Markt hauen, wenn es doch etwas Großes hätte werden können?
Die Grundstruktur jedenfalls stimmt. Es gibt eine anfängerfreundliche Hotspotanzeige. Die Hauptfigur kann durch Doppelklick rennen - was durch eher kurze Wege allerdings nicht viel bringt. Es gibt eine Aufgabencheckliste, welche einem fast schon punktgenaue Instruktionen darüber gibt, was als Nächstes zu tun ist. Weiß man wirklich mal nicht weiter, fragt man einfach seinen genervten Kumpanen, der die Frage nach dem "und jetzt?" auch ein zwanzigstes Mal in aller Seelenruhe beantwortet. Ein perfektes Spiel für all diejenigen also, die im Adventuregenre vielleicht nicht ganz so bewandert sind - und die anderen? Nun, Black Sails dürfte für die Erfahrenen Abenteurer unter uns fast schon zu leicht sein. Im ganzen Spiel gibt es vielleicht eine Hand voll anspruchsvolle Rätsel, zu wenig für Point'n'Click-Fans.




Pro und Contra moderner Adventures
Ein großes Plus ergattert sich Black Sails durch die hervorragende Soundkulisse. Nicht nur die oben erwähnte Synchronisation hat einiges zu bieten, sondern auch die allgemeine Musik- und Sounduntermalung. Schade, dass die perfekte Geistermusik (hier hat man sich wohl wieder von Lost Crown inspirieren lassen?) nicht auch durch die passenden Ereignisse ergänzt wird. Teilweise wird an merkwürdigen Stellen des Spiels Spannung aufgebaut, nur um dann eine sinnlose Kamerafahrt ins Nichts zu präsentieren.
Sound passt - was also taugt die Grafik? Kommen wir zu meiner Standardaussage: seit wann interessiert einen Adventure-Fan die Grafik eines Spiels? Richtig. Mich eigentlich auch nicht, also habe ich an der Umgebung selbst auch nichts auszusetzen. Die Mimik der Charaktere überzeugte mich leider nicht wirklich - nein, ich will keine Heavy Rain Mimik, aber mit ein bisschen Glaubwürdigkeit könnte ich auch gut leben. Generell versteckt sich das Spiel etwas zu sehr - ein perfektes Beispiel hierfür sind die Animationen. Statt der Ausführung eines Befehls bekommt man oft einen Blackscreen mit entsprechendem Sound präsentiert. Ihr baut eine Treppe? Blackscreen + Hämmern! Gut, erfüllt seinen Zweck. Geht aber auch besser. Apropos besser: Ladesequenzen in allen Ehren, aber warum beglückt mich das Spiel alle paar Meter (nicht übertrieben) damit? Bei einem GTA kann ich das ja verschmerzen, aber auf einem (gefühlt) 10 x 40 m großem Schiff?
Und die Moral von der Geschicht' ..
.. kurze Spiele lohnen sich nicht! Nein, nicht ganz. Auch wenn meine Kritik zu überwiegen scheint. Black Sails ist eigentlich ein würdiger Adventuretitel. Es ist kein Top-Titel, aber das will das Spiel auch gar nicht sein, was sich bei den vielen erwähnten Punkten deutlich abzeichnet. Flache Story, einseitige Charaktere, viel zu wenig zu Entdecken, viel zu wenig sinnvolle Dialoge. Wenn ich eben jene Unterhaltung bevorzugen würde, könnte ich auch eine Triple-Folge Ghost Whisperer reinwerfen. Für ein Adventure steckt einfach zu wenig Seele in dem Spiel, alles wirkt irgendwie oberflächlich und selbst die schönen Nebelschwaden werden nach kurzer Zeit vom Toten Winkel erfasst, da man eh nicht mehr an ein Schockerlebnis glaubt. Verspieltes Potential - Episode 8231.
Fazit von Hardcora:
- nimmt Anfänger an die Hand
- verschiedene Endsequenzen
- Aufgabenbuch unterstützt den Spieler
- Soundkulisse
- Steuerung optimal
- Hotspotanzeige
- erstklassige Synchronisation
- kann man tatsächlich "zwischendurch" spielen
- nur knapp 3 Stunden Spielzeit
- zu wenige Rätsel
- unsympathische Charaktere
- kurzweilige Story
- Clippingfehler
- viele Ladesequenzen
- verwirrende Kameraführung
Hardcora hat Black Sails - Das Geisterschiff auf dem PC gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von astragon Software zur Verfügung gestellt.

