Lost Planet 2 - Review

Was bedeuten große, leere Räume oder Umgebungen in einem Videospiel? Meistens gibt es da zwei Möglichkeiten: entweder man wird von einem plötzlichen Hinterhalt erwischt und tappt in eine Falle. Aber genauso gut könnte hier auch ein böser Bossgegner lauern und den Spieler in ein gefährliches Spiel um Leben und Tod zwingen. In Lost Planet 2 ist ganz offensichtlich, was in so einer Situation passiert: ein Monster taucht plötzlich auf, Krallen scharf wie Rasierklingen, einen Körper von der Größe eines Hauses und tödlicher wie eine 10.000 Volt Stromleitung. Nicht nur die Pflanzen-, sondern auch die Tierwelt hat sich im Laufe des gewaltigen Terraformings von Teil 1 zu Teil 2 stark verändert. Ich habe mich durch sechs Episoden gekämpft, Unmengen an Monstern erledigt, tausende Projektile verschossen, Mechs besetzt. Alles sogar im Online-Quartett. Klingt spannend? Ja. Macht es auch Spaß?

Wenn die Story mehr verwirrt als erklärt ...



Ich freue mich seit Ewigkeiten auf Lost Planet 2 - genauer gesagt seit der Ankündigung mit dem beeindruckenden Trailer im letzten Februar. Der erste Teil gehört für mich zu einem der aufregendsten Shooter, die ich in meinem jungen Leben gespielt habe. Gerade als Fan von packenden Bosskämpfen zähle ich Lost Planet diesbezüglich zur absoluten Elite im Videospielbereich. Und jetzt, lange Jahre nach den Ereignissen auf dem verlorenen Planeten E.D.N.III, bin ich wieder zurück. Der Schnee ist größtenteils verschwunden, stattdessen wuchern grüne, haushohe Pflanzen und Bäume, Bäche kämpfen sich ihren Weg durch das dichte Gestrüpp. An einem anderen Ort hingegen ist jegliche Vegetation verrottet, es ist verdammt heiß und Felsbrocken sind der einzige schattige Platz in dieser Wüste - einer anderen Klimazone auf dem jetzt sehr abwechslungsreichen Planeten. Die Schneepiraten feiern aber ein Comeback, dieses Mal allerdings als Dschungelpiraten. Und man fragt sich: was ist hier nur passiert?

Dieser radikale Klimawechsel ist Folge einer gewaltigen planetarischen Erwärmung, die den Schnee hat schmelzen lassen. Außerdem ist die Bevölkerung auf E.D.N.III explodiert: nicht nur zahlreiche Dschungelpiraten, sondern auch Unmengen an Akriden bewohnen den Planeten. Um die wichtigen Rohstoffe streiten sich ein paar Fraktionen, darunter zum Beispiel die Carpetbaggers oder Slum Dwellers, im Fokus liegt aber der Konzern NEVEC, dessen Geheimnisse es zu lüften gilt. Interessant: in jeder der insgesamt sechs Episoden spielt man eine andere Fraktion, um verschiedene Einblicke in die Story zu gewähren und für Spannung zu sorgen. Die Geschichte wird auch durch teilweise richtig beeindruckende Zwischensequenzen vorangetragen, ansonsten dienen lediglich die Missionsbeschreibungen der Erzählung. Aber warum muss die Story derart undurchsichtig inszeniert werden, dass Nichtkenner des Vorgängers überhaupt nichts kapieren? Aber auch Kenner des ersten Teils werden massiv enttäuscht: diese Geschichte, die Capcom da erzählt, ist todlangweilig und extrem unspektakulär. Selbst der Versuch, die Absichten der einzelnen Fraktionen deutlich herauszubringen und die Charaktere zu beleuchten, geht schief - die Figuren sind nichts als unwichtige, seelenlose Bots, die Story ganz offensichtlich nur Mittel zum Zweck. Das ist wirklich schade - in diesem Bereich hat mich selbst Dark Void mehr überzeugt.


Lost Planet 2


Frustration für Solisten: die künstliche Dummheit.



Was soll's, Story ist schließlich nicht alles. Wie viele Spiele haben mich schon begeistert, ohne dass es überhaupt eine Geschichte gab! Darum überspringe ich lieber alles weitere in Bezug auf die Handlung und wende mich gleich dem Gameplay zu - angefangen bei der Kampagne, auf der der Fokus liegt. Wie schon oben erwähnt, gilt es ganze sechs Episoden zu überstehen, deren Schauplätze immer andere Szenarien sind. So startet man zunächst im tropischen Dschungel, erreicht irgendwann ein düsteres Industriegebiet, eine Wüste und ist bald sogar unter Wasser unterwegs - hinsichtlich der Abwechslung im Leveldesign macht Lost Planet 2 vieles richtig. Zudem sieht das Spiel richtig gut aus, auch wenn man nicht mit Granaten wie Uncharted 2 mithalten kann. Besonders die Explosionen und das Artdesign sind eine wahre Augenweide, allen voran die imposanten Akriden, aber darauf komme ich später noch zurück.

Lost Planet 2 spielt sich im Prinzip wie jeder andere klassische Third-Person-Shooter, allerdings hat man hier jederzeit einen praktischen Greifhaken zur Verfügung, mit dem man sich - wie schon im ersten Teil - an Vorsprüngen hochziehen kann. Doof ist hierbei, dass dieser sich immer noch nicht im Sprung einsetzen lässt, was teilweise richtig nervig werden kann. Und dass Rico Rodriguez immer noch den cooleren Grapple hat, ist selbstverständlich. Aber eine große Rolle im Spielverlauf hat der Haken sowieso nicht. Stattdessen liegt der Fokus auf explosiven Gefechten gegen unzählige menschliche Gegner, die aber weniger mit Intelligenz als mit Masse für Gefahr sorgen. Flankieren, Umzingeln oder gar in Deckung gehen ist für die meisten ein Fremdwort. Lieber stehen die Gegner des Öfteren einfach dumm herum und warten darauf, abgeknallt zu werden - erst dann zeigen sie Reaktion. Ebenfalls ziemlich blödsinnig ist es, wenn man sich bis auf wenige Schritte einem Feind nähern kann, obwohl dieser mich klar erkennen sollte. Die Intelligenz der Feinde ist leider nicht gerade ein Glanzpunkt, außerdem gibt es auch herbe Totalaussetzer, bei denen Gegner regungslos im Kreuzfeuer stehen. Sowas darf einfach nicht sein! Dass Lost Planet 2 teilweise dennoch recht schwer ist, liegt auch eher an der Masse an Gegnern, die oftmals unfaires Niveau erreicht. Das schlimme ist aber, dass die Partner-KI alles andere als eine große Hilfe ist.

Spielt man offline und alleine, sticht einem sehr schnell die Dummheit der eigenen Kollegen ins Auge. Verhalten sie sich zunächst noch recht ordentlich, ballern eigenständig auf Feinde und gefährliches Krabbelzeug, ändert sich das schon sehr bald. Es kann passieren, dass die selbsternannten "Helfer" bereits die nächsten Gegner erledigt haben, während man selbst erst dabei ist, etwaige Boni und Munition einzusammeln - manchmal legen sie auch ganze Zwischenbosse lahm. In solchen Momenten ist man noch nicht frustriert, sondern einfach nur enttäuscht - die Frustration beginnt nämlich erst bei bestimmten Missionen. Manchmal muss man mehrere Datenstationen auf einmal halten, während die Gegner versuchen, diese wieder zu deaktivieren. Was einfach klingt, erweist sich mit der Partner-KI als äußerst schwierig, da die Kollegen dem Spieler immer nur hinterherrennen und die Datenstationen somit den Feinden überlassen. In einer Mission in der dritten Episode wird das besonders schlimm, denn dort ist man auf die Hilfe der KI angewiesen, weil diese eine gigantische Kanone be- und aufladen muss und gleichzeitig die Sprinkleranlage aktiviert werden soll. Aber nicht dass man den Partnern irgendwelche Befehle geben könnte - solcher Komfort ist in Lost Planet 2 nicht möglich. Nicht einmal simple Anweisungen wie "Stellung halten" oder "Folgen" hat man zur Verfügung und ist somit auf die Intelligenz der KI angewiesen - was leider nicht halb so gut klappt, wie man es sich wünschen würde.


Lost Planet 2


Der Online-Coop als Lebensretter.



Zum Glück gibt es da die Möglichkeit, die gesamte Kampagne online zu viert zu absolvieren - und das macht nicht nur gewaltig Laune, sondern merzt auch die schlimmen Probleme der Partner-KI wieder aus. Online lässt es sich nicht nur wesentlich besser koordinieren, vorzugsweise natürlich per Headset, man muss vor allem nicht mehr beten, dass die KI das macht, was sie soll, sondern kann sich auf seine Mitspieler verlassen. Da passt es natürlich auch sehr gut, dass das allgemeine Spieldesign ganz offensichtlich auf den kooperativen Modus ausgelegt ist, was auch am meisten bei der oben beschriebenen Mission in der dritten Episode deutlich wird. Schön ist auch, dass die eigentliche Monotonie im Missionsdesign im Onlinemodus nicht so auffällt wie im Solomodus - im Prinzip muss man immer nur Datenstationen aktivieren. Zu viert macht es einen Heidenspaß, sich durch die Missionen und Gegnermassen zu ballern. Dabei ist es trotzdem kein leichtes Unterfangen, das Missionsziel zu erreichen: es steht euch nur eine bestimmte Kampfpunktzahl zur Verfügung, die sich mit jedem erlittenen Tod reduziert. Auffrischen lässt sich die Zahl nur durch das Aktivieren von weiteren Datenposten. Damit ihr aber nicht während einer Mission sofort verliert, könnt ihr eure Lebensenergie mit Thermalenergie auffrischen - diese kann man bei besiegten Gegnern einsammeln.

Neben der Coop-Kampagne gibt es auch einen Versus-Multiplayer für bis zu 16 Spieler, der allerdings nur magere vier Spielmodi (u.a. Deathmatch, Team-Deathmatch, Capture the Flag) bietet - im Gegenzug gibt es zahlreiches freizuschalten, darunter leider auch Unmengen an unnötigen und langweiligen Spitznamen, was nicht wirklich motiviert. Dennoch machen die Online-Gefechte Laune, auch wenn der kompetitive Multiplayermodus mehr wie ein kleiner Zusatz wirkt. Immerhin gibt es ganze zehn Maps, außerdem lassen sich Teams bilden und Ranglisten sind auch mit dabei. Man kann die Kampagne zwar auch offline zu zweit im Splitscreen spielen, das ist aber wegen dem klitzekleinen Bildausschnitt nicht wirklich empfehlenswert.


Lost Planet 2


Groß, größer, Salamander, Sandwurm!



Natürlich ballert man in Lost Planet 2 nicht nur auf Massen von menschlichen Gegnern und kleinere Monster, Akriden genannt - es gibt auch zahlreiche Bosskämpfe, die ohne Zweifel das spielerische Highlight des ganzen Spiels sind. Was mit einem riesigen Salamander beginnt, den man schon aus Dutzenden Trailern kennt, endet noch längst nicht bei einem gigantischen, berggroßen Sandwurm, der ganze Zugwaggons verschlingt. Vor allem sind die Bosskämpfe auch taktisch anspruchsvoll und nicht nur bloßes Draufschießen: man kann gezielt Gliedmaßen abschießen und muss möglichst die orange markierten Schwachstellen anvisieren, um den Giganten möglichst effektiv zu treffen. Bei manchen Monstern reichen da normale Maschinengewehre nicht mehr, da muss schon der Raketenwerfer gezückt werden, um das Viech zu erledigen. Und in ganz extremen Fällen muss eine riesige Zugkanone herhalten, die erst die richtigen Schwachpunkte freilegen kann. Capcom serviert hier Bosskampfkost vom Feinsten, die klasse aussieht und den Adrenalinspiegel gehörig in die Höhe treibt - diese Bosskämpfe sind mit Abstand die besten, die ich dieses Jahr bisher erleben durfte.

Abseits von Maschinengewehren, Raketenwerfern, Schrotflinten und vielen anderen Typen von Schusswaffen und Granaten gibt es auch eine große Anzahl an Mechs, die sich komplett unterschiedlich steuern und für zusätzliche Effektivität im Angriff und Abwechslung sorgen. Es gibt Mechs, mit denen man fliegen kann, es gibt Mehrsitzer-Mechs und außerdem kann man sich auch an einen bereits besetzten Mech an die Seite hängen und von dort aus auf die Gegner schießen. Ebenfalls eine tolle Sache ist die Möglichkeit, die Waffen der Mechs abzumontieren und die Gatling bzw. das Sturmgewehr selbst zu verwenden. Die Waffen lassen sich sogar tauschen - cool! Weniger cool ist dagegen die Sprintsteuerung, die sich das Leben unnötig selbst schwermacht: dabei wechselt die Kamera in eine sehr tiefe Rückenperspektive, während der man kaum die Richtung wechseln kann. Das ist wirklich schlecht gelöst. Ebenfalls doof finde ich das Fehlen eines ordentlichen Deckungssystems, was für die eigene Verteidigung durchaus sinnvoll gewesen wäre. So kann man sich lediglich ducken, was nicht immer vor feindlichem Beschuss schützt.



Tim

Fazit von Tim:

Lost Planet 2 macht in der Online-Kampagne fast alles richtig: das Spieldesign ist klar auf den kooperativen Modus ausgelegt, es ergeben sich zahlreiche taktische Möglichkeiten, Teamplay ist gefragt und ordentliche Koordinierung führt zum gewünschten explosiven Ergebnis - zu viert macht es gleich doppelt so viel Spaß, einen gigantischen Akriden mit Projektilen vollzupumpen. Allgemein sind die Akriden ein absolutes Highlight, der größte Glanzpunkt der bombastischen Action, die sowohl grafisch als auch akustisch voll und ganz überzeugt. Wenn ein berggroßer Sandwurm ganze Zugwaggons verschlingt und sein riesiges Maul öffnet, um einen weiteren Wagen zu verspeisen, dann jagt das den Adrenalinspiegel in die Höhe! Und nicht nur dieser eine, sondern auch alle anderen größeren Akriden sind ein ungemein leckeres Festmahl für alle Liebhaber von pompös inszenierten und packenden Bosskämpfen. Online ist Lost Planet 2 eine Actiongranate, wie sie im Buche steht.
Aber warum enttäuscht mich die Offline-Kampagne mit der strunzdummen Partner-KI, die sich gerne selbst ins Kreuzfeuer stellt? Warum schaffe ich ein Kapitel erst im xten Anlauf, weil meine selbsternannten "Helfer" ihre Dienste verweigert haben? Warum wird die Geschichte so seelenlos und langweilig erzählt, obwohl die Zwischensequenzen durchaus gut sind? Warum muss ich fast durchgehend nur Datenstationen aktivieren - wo bleibt hier die Abwechslung im Missionsdesign? Und warum ist die Sprintsteuerung ein Graus, während ein wirklich nötiges Deckungssystem komplett fehlt? Lost Planet 2 mag online noch so sehr rocken, offline ist es eine bloße Enttäuschung, die am auf den Coop-Modus ausgelegten Spieldesign krankt - schade. Und dennoch: wer einen bombastischen, packenden, fordernden und explosiven Coop-Shooter mit fantastischen Bosskämpfen sucht, landet hier einen todsicheren Treffer. Nur offline und erzählerisch kann das ohne Zweifel spektakuläre Abenteuer nicht begeistern.

Besonders gut finde ich ...
  • spektakuläres non-stop-Projektilgewitter
  • sehr guter Online-Coop-Multiplayer
  • packende, einzigartige Bossfights ...
  • ... gegen klasse designte Akriden
  • sehr abwechslungsreiche Szenarien
  • ansehnliche Grafik, donnernder Sound
  • knapp 12 Stunden Kampagnenspielzeit
  • coole Mechs in vielen Variationen
Nicht so optimal ...
  • sehr schwache Gegner
  • & v.a. Partner-KI
  • Offline-Kampagne wirkt aufgesetzt
  • abwechslungsarmes Missionsdesign
  • enttäuschende Hintergrundgeschichte
  • unnötig träge Steuerung
  • kein wirkliches Deckungssystem

Tim hat Lost Planet 2 auf der PlayStation 3 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Capcom zur Verfügung gestellt.

Lost Planet 2 - Boxart
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  • Entwickler:Capcom
  • Publisher:Capcom
  • Genre:Third-Person-Action
  • Plattform:PC, PS3, Xbox360
  • Release:11.05.2010

Kommentare & Likes

Folgenden Usern gefällt der Beitrag: HerrBeutel, Phaz ... und einem Gast.
  • Phaz
    #1 | 19. Mai 2010 um 23:00 Uhr
    Hätten sie einfach die guten Eigenschaften des ersten Teils übernommen. Die hatte er ja durchaus   
  • Darius
    #2 | 19. Mai 2010 um 23:21 Uhr
    Der erste Teil hatte gute Eigenschaften? *g*
  • ribrob
    #3 | 27. Mai 2010 um 23:25 Uhr
    ich hätte viel lieber die grschichte von wayne weitergespielt

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