Kane & Lynch 2: Dog Days - Review

Wer hätte gedacht, dass die beiden antipathischen Rabauken Kane und Lynch drei Jahre nach ihrem ersten Abenteuer ein weiteres Videospiel spendiert bekommen, immerhin erfüllen sie durch ihr flegelhaftes Auftreten und ihrer schwarzmalerischen Vergangenheit nicht gerade die Prinzipien typischer Actionhelden. Entwickler IO Interactive (Hitman) verweist daher stolz auf den Begriff der Antihelden - doch wollen wir überhaupt in die dreckige Haut solch ungehobelter Mistkerle schlüpfen?

Hundstage (engl. Dog Days) nennt sich das zweite Abenteuer der beiden schizophrenen Rabauken Kane und Lynch, und tatsächlich: Das Schicksal meint es nicht gerade gut mit ihnen. Lynch, der extravertiertere der beiden heruntergekommenen Scheusale, hat sich in Shanghai niedergelassen, wo er seit mehreren Jahren seinem zwar rustikalen, aber immerhin zufriedenen Alltag nachgeht. Er hat eine Freundin, er hat einen Job... und er hat einen Plan. Um einen allerletzten Deal abzuschließen und mit dem so erwirtschafteten Blutgeld, will er sich endgültig zur Ruhe setzen. Kane, der daraufhin von seinem unfreiwilligen Kumpanen angerufen und nach China geordert wird, kann dazu natürlich nicht nein sagen - beide Kerle haben schließlich nicht mehr viel zu verlieren.

Natürlich kommt alles anders als gedacht. Kane konnte den zuckenden Finger nicht vom Abzug halten und erschoss aus Versehen zufällig die Tochter des wohl einflussreichsten Mafiabosses Shanghais. Klar, dass die beiden es bald mit der gesamten Infanterie des Reiches der aufgehenden Sonne zu tun haben. Während der in elf Kapiteln unterteilten Geschichte zählt allerdings selten die Handlung, da ihr die meiste Spielzeit ohnehin nur mit Ballern beschäftigt seid. Gut meinen die einen - wir haben es schließlich mit einem Shooter zu tun -, banal meinen die anderen und könnten angesichts des monotonen Spielverlaufs durchaus Recht behalten.


Kane & Lynch 2: Dog Days


Ihr schlüpft während der rund sechs Stunden dauernden Story in die Haut von Lynch, wohingegen Kane von der leicht unterbelichteten KI übernommen wird. Dieser steht nämlich des Öfteren dumm im Weg herum, hält euch die zahlreichen Feinde nur bedingt vom Leib und lässt sich von euch auch nicht herumkommandieren. So bleibt euch nichts anderes übrig, als euch die für Shooter gängigen Standardwaffen wie Maschinengewehre und -pistolen, sowie (Scharfschützen-)gewehre und diverse Colts unter den Nagel zu reißen, wenn nötig auch von gefallenen Widersachern, und euch durch die schiere Anzahl lästiger Feinde zu bolzen. Wem im Eifer des Gefechts die Munition ausgehen sollte, darf sich mittels Tastendruck alle in der Umgebung befindlichen Schießprügel einblenden lassen - ein nettes Feature. Granaten hingegen sucht ihr vergeblich, stattdessen greifen die beiden Halunken auf herumliegende Feuerlöscher und Gasflaschen zurück. Dass die Schusswechsel dennoch schnell an Reiz verlieren, liegt mitunter an den strunzdoofen Gegnern, die keinerlei Taktik verfolgen und sich meist abschießen lassen wie die Moorhühner. Trotzdem verkommt der Titel nicht zum Spaziergang, denn Lynch schluckt bereits auf dem normalen Schwierigkeitsgrad (der zweite von vieren) nur eine Handvoll blaue Bohnen, bevor er ins virtuelle Gras beißt und die feindlichen Einheiten flankieren euch gerne mal - immerhin, das können sie.

Was der Spieler nun nutzen kann, ist der Einsatz unterschiedlicher Deckungsmöglichkeiten, wie man das aus anderen Genrevertretern kennt. So nimmt Lynch per Knopfdruck beherzt hinter einer Kiste, einem Auto oder einem Betonpfosten Platz, um im tödlichen Kugelhagel einen kühlen Kopf zu bewahren. Auch das blinde Feuern ist möglich, ist aufgrund der Ungenauigkeit aber nur im Notfall zu empfehlen. Apropos Ungenauigkeit: Das Aiming fällt in Kane & Lynch 2 weitaus weniger schwammig aus als das noch im ersten Teil der Fall war. Jedoch stören die vom Spiel nicht gewerteten Kopftreffer zuweilen, wenn der Feind mal wieder den Kopf aus der besagten Deckung streckt - das nervt.


Kane & Lynch 2: Dog Days


Wie es sich für einen Shooter der heutigen Zeit gehört, darf man in den zahlreichen Schusswechsel auch allerhand Level-Interieur zu Kleinholz verarbeiten. So zerberstet Glas in tausend Splitter und auch Holz, Putz und andere Leichtmaterialien geben im hitzigen Feuergefecht mit der Zeit nach. Das wirkt sich auch auf die Deckung aus, weswegen ihr immer wieder die Stellung wechseln werdet. Denn eine Bürotrennwand ist nach wenigen Treffern schon bald keine mehr. Doch auch ungeachtet des klugen Einsatzes des Deckungs-Features sind virtuelle Heldentode nicht vermeidbar. Ihr könnt zwar hin und wieder bei harten Treffern, die euch aus den Latschen hauen, in liegender Position weiterbolzen, - wenn es Hart auf Hart kommt hilft euch Kane aber nicht, das Wiederbeleben bleibt dem Mehrspielermodus vorbehalten, auf den wir später noch zu sprechen kommen.

Was bleibt, sind extrem häufige Schießsequenzen in strikt linearen Levelverläufen. Damit das einzige Spielelement des Titels aber nicht langweilig wird, haben sich die Entwickler etwas ganz besonderes einfallen lassen: Den ungewöhnlichen, an niedrig aufgelöste Internetvideos erinnernden Grafikstil des Titels. Dieser setzt auf enorm übertriebene Unschärfe- und Grieselfilter, die nicht jedem Spieler zusagen dürften. Lichtquellen werden überstrahlt, Nackt- und Gewaltszenen sogar komplett verpixelt dargestellt. Kane und Lynch gehen nämlich während ihrer Flucht aus Shanghai nicht gerade zimperlich um, genauso wenig wie die Entwickler selbst - Stichwort: Folterszene.

Außerdem solltet ihr entweder ein Astronautentraining absolviert haben oder einen Schiffsfahrschein euer Eigen nennen, denn bei Kane & Lynch 2 gerät das Bild ständig ins Wackeln - das gehört zum Kamerastil des Spiels. Die dreckige Aufmachung passt dafür nicht nur wunderbar zur Atmosphäre, sondern verleiht dem ansonsten recht langweiligen Baller- und Fluchtsequenzen das gewisse Etwas. Nichtsdestoweniger beinhaltet die Kampagne viel zu wenige Höhepunkte, erst gegen Ende kommt mit kurzen Helikoptereinlagen etwas Schwung ins Geschehen - da wäre mehr drin gewesen.


Wo die grafische Präsentation vom persönlichen Geschmack abhängt, dürfte der knallige Soundtrack alle Fans des Actionlagers zufrieden stellen. Die Synchronisation ist selbst in deutscher Sprache sensationell ausgefallen, obgleich die Entwickler verpasst haben, den Figuren passende Lippenanimationen zu spendieren. Ein verbal ausbrechender Auftraggeber, dessen Spielfigur stoisch in der Landschaft flaniert, bedeutet nunmal ein dickes Atmosphäreminus. Dieser sind übrigens auch die zwar seltenen, aber dennoch auftretenden Animations- und Bedienungsfehler nicht gerade zuträglich. Es kam sogar schon vor, dass wir einen Kontrollpunkt erneut laden mussten, weil sich unser Begleiter aus unerklärlichen Gründen nicht mehr von der Stelle rührte.

Damit so etwas nicht passiert, darf Kane natürlich wieder im Koop-Modus von einem menschlichen Spieler gesteuert werden, wobei ihr die Story sowohl im Splitscreen mit einer Konsole oder gewohnt online bestreiten dürft. Wer davon noch nicht genug hat, darf sich in den insgesamt drei Mehrspieler-Modi austoben. Während ihr in »Fragile Alliance« als Krimineller auf Raubzug geht und nach dem Ableben - zum Beispiel weil euch ein gieriger Kumpane verraten hat - als Cop gegen die Diebesbande vorgeht, dürft ihr in »Undercover-Cop« gleich zu Beginn in die Haut eines Polizisten schlüpfen. Zu guter Letzt wäre da noch »Räuber und Gendarm«, wo ihr, wie der Name schon sagt, in zwei separaten Teams um die ersehnte Kohle ballert. Während unserer Testspiele kamen leider nur wenige Matches zusammen, sodass wir den Multiplayer von Kane & Lynch 2 noch nicht vollends beurteilen können. Fakt ist: Der ungewöhnliche Grafikstil erleichtert euch auch hier nicht gerade das Vorgehen, macht aber bereits zu Beginn schon mehr Spaß, als der gesamte Offline-Part. Stichwort Offline: Wer keine Internetverbindung besitzt, darf im sogenannten Arcade-Modus gegen KI-Kontrahenten antreten und somit eine Brise Massenverrat schnuppern. Und wo wir gerate bei Verrat sind: Das Ende der Geschichte ist angesichts des zunehmend dramatisierten Finales nicht überzeugend. Waren da vielleicht die diesjährig brütend heißen Hundstage schuld?



Fazit von Khezul:

Es ist schon erstaunlich, Kane und Lynch 2 schafft es tatsächlich, dass mir die beiden miesen Typen mit der Zeit regelrecht ans Herz wachsen und ich so etwas wie Empathie gegenüber den beiden Protagonisten empfinde - so hat das nicht einmal der Vorgänger hinbekommen. Allerdings ist das Spiel schon vorbei, bevor es so richtig begonnen hat. Wahrscheinlich ist das auch gut so, denn in Kane & Lynch 2 passiert einfach nichts herausragendes, stattdessen bleibt der Titel in allen Belangen nur mittelprächtig. Egal wie abwechslungsreich die Schauplätze, ganz gleich wie heftig in Szene gesetzt die Ballereien auch sein mögen - sie werden recht schnell gähnen langweilig, da hilft auch die nette Optik nichts.

Fans unkomplizierter Actionkost dürfen gerne Probe spielen, auch um zu überprüfen, ob ihnen der ungewöhnliche Grafikstil liegt. Ansonsten ist in sämtlichen Punkten der Vorgänger das bessere, weil packendere Spiel.

Besonders gut finde ich ...
  • neuartige Optik
  • passende Atmosphäre
  • zerstörbare Umgebung
  • hervorragende Vertonung
  • solide Shooterkost
  • detailreiche Schauplätze
  • dramatische Wendungen
Nicht so optimal ...
  • viel zu kurz
  • monotoner Spielverlauf
  • Animationsfehler
  • abwechslungsarm
  • langatmige Ballersequenzen
  • teilweise Logikfehler

Khezul hat Kane & Lynch 2: Dog Days auf der PlayStation 3 gespielt.
Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Square Enix zur Verfügung gestellt.

Kommentare & Likes

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  • DarkRaziel
    #1 | 5. September 2010 um 20:32 Uhr
    Also mir hat die Demo schon nicht gefallen und auch der Vorgänger von daher habe ich beim zweitem Teil nicht viel erwartet. Und genau so ist es eben Eingetroffen.
    Und wenn das Game selbst in England schon für ca. 25 Euro verramscht wird      
  • GizMo
    #2 | 7. September 2010 um 09:48 Uhr
    meh, wenn ich scho den anfang der story les, klingt nach typischem hollywood kino xD

    "noch ein allerletzter auftrag, bevor er sich zur ruhe setzt" .. so fängt doch jeder hirnabschalten-popkorn-kino-film an.
  • Khezul
    #3 | 8. September 2010 um 12:35 Uhr
    Tja, von der Geschichte habe ich mir wirklich mehr erwartet. Storytechnisch war der erste Teil, wie in so vielen anderen Punkten, einfach überzeugender. Ich für meinen Teil wünsche mir die stärken des Prequels + das verbesserte Aiming des zweiten Teils - so dürfen es Kane und Lynch noch einmal versuchen.

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